Mit Handycap durch Wittlich : Perspektivwechsel: Kleiner, dunkler, stiller

Die Behindertenhilfeeinrichtung Maria Grünewald bot an, Wittlich aus  Sicht von Menschen mit Beeinträchtigung kennenzulernen.

Rollstühle neben dem Gemüsestand, Menschen mit Schwimmbrillen und großen Kopfhörern auf dem Marktplatz, ein nicht alltägliches Bild bot sich am Freitagvormittag rund um den Wochenmarkt in Wittlich. Wie ist es, im Rollstuhl über Kopfsteinpflaster zu rumpeln? Wie fühlt man sich, wenn man mit eingeschränktem Sichtfeld durch die Säubrennerstadt geht? Wer sich darauf einließ, konnte erfahren, wie Menschen mit Beeinträchtigungen in Wittlich zurechtkommen.
„Wie unter einer Glasglocke“, sagt Karin Terhorst, kam sie sich vor, als sie mit speziell präparierter Schwimmbrille und schallschluckenden Kopfhörern eine kleine Runde vom Platz an der Lieser über den Wittlicher Marktplatz geführt wurde. Die Welt ist plötzlich eine andere: dunkler, stiller. Ein Mädchen mit Beeinträchtigung führte Terhorst. Ohne sie wäre sie nicht zurecht gekommen, sagt das Mitglied des Erkundungsteams der Pfarreien der Zukunft.
„Perspektivwechsel - erlebe deine Stadt mit einem Handicap“ ist ein Projekt der Behindertenhilfeeinrichtung Maria Grünewald im Rahmen der Erkundungsphase zur Umsetzung des Synodenbeschlusses zur Einführung neuer Pfarreienstrukturen im Bistum Trier. Terhorst und ihre Kollegen schauen sich vor Ort um, was bereits gemacht wird und was man vielleicht noch anstoßen kann. Das Ziel der Aktion in Wittlich: Die Bevölkerung, aber auch die Politik für die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigung zu sensibilisieren.
Denn auch wenn sich schon einiges geändert und verbessert hat, mit einem Rollstuhl stoße man immer noch an Barrieren, sagt Tammy Kayser. Ihre 15-jährige Tochter Roxanne liebe es eigentlich bei Einkäufen dabei zu sein, „aber in manche Geschäfte muss ich gehen, wenn sie in der Schule ist“, sagt Tammy Kayser.

Stufen oder auch enge Geschäftsräume lassen keinen Platz für den Rollstuhl. Bordsteine seien zwar oft abgesenkt worden, aber bei Wittlichs neuestem Vorzeigeprojekt „Stadt am Fluss“ käme Roxanne nicht ganz bis ans Wasser der Lieser heran.
Dass Rollstuhlfahren vielleicht einfach aussieht, aber nicht ist, erfuhr Johannes Eiswirth. Allein rein körperlich: „Ich hatte es weniger anstrengend erwartet. Es erfordert Kraft und Koordination, um den Rollstuhl in der Spur zu halten.“ Außerdem ist man einfach kleiner und nicht mehr so flexibel wie ein Fußgänger: „Ich konnte nie den direkten Weg nehmen und war abhängig von der Rücksichtnahme der anderen Verkehrsteilnehmer.“

Auf dem Gehweg abgestellte Autos sind für Rollstuhlfahrer wie Kinderwagen ein Ärgernis. Gegenseitige Sensibilisierung ist ein Punkt, der Joachim Rodenkirch wichtig ist. „Da muss sich die Gesellschaft insgesamt ändern“, meint Wittlichs Bürgermeister, der sich auch selbst in einen Rollstuhl setzte. Ilona Klein, Leiterin von Maria Grünewald, bietet an bei der Umsetzung von Baumaßnahmen zu helfen. Viele der in der Einrichtung der St. Raphael Caritas Alten- und Behindertenhilfe betreuten Menschen seien immerhin absolute Experten, wenn es um die Schaffung von Barrierefreiheit gehe.

Mehr von Volksfreund