Mit Mantel, Hut und Hellebarde

BERNKASTEL-KUES. "Hört' ihr Leut', ich tu' euch kund, was geschlagen hat die Stund'", vermeldete der Nachtwächter in der Altstadt von Bernkastel. Pünktlich schlug die Turmuhr von St. Michael 21 Uhr. Nahezu 50 Menschen strömten herbei, um den Wächter auf seinem Stadtrundgang zu begleiten.

In früheren Zeiten war der Nachtwächter eine wichtige Person, die den Bürgern die nächtliche Stunde ansagte und vor Brandgefahr warnte: "Gebt Acht auf Feuer und Licht, ein kleiner Funke, noch so klein, der äschert Städt' und Dörfer ein." Diesen alten Brauch halten heute noch die Mitglieder der "Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft" aufrecht. Auch Heinz-Dieter Wettki aus Mühlheim an der Donau zieht in seinem romantischen, alten Heimatstädtchen zweimal in der Woche durch die Gassen, wo von 1496 bis 1936 "zum Schutz der Bürger und der Stadt noch echte Wächter zogen durch die Stadt". Und überall, wo der Mann in historischer Tracht mit Mantel, Hut, Hellebarde, Laterne und Horn Urlaub macht - ob im Bayerischen Wald oder auf Rügen - lädt er die Leute ein zu einem kleinen Rundgang in ihrer Stadt. An markanten historischen Plätzen in der Altstadt von Bernkastel, am Marktplatz, an der DoctorWeinstube und am Graacher Tor hielt der Wächter inne, blies in sein Horn und zitierte Nachtwächter-Verse und Anekdoten. In früheren Zeiten mussten alle Bürger, die noch bei Dunkelheit in den Gassen unterwegs waren, Laternen mit sich tragen.Mit dem Nachtlicht auf Wanderschaft

So taten das auch gleich zwei alteingesessene Bernkasteler, die zum Rundgang ihr kleines Nachtlicht mit sich führten. "Denn wer früher keine Laterne trug, der galt als finstere Gestalt", bemerkte der Nachtwächter. Angetan von der nächtlichen Szenerie in den engen Gassen waren auch Cordula Sturm und Theo Wehner aus dem fränkischen Gerolzhofen. Sie waren mit ihrem Wohnmobil auf Moselreise und hatten gerade in einer Weinstube ein Glas Moselwein genossen. Da kam ihnen der romantische abendliche Nachtwächter-Rundgang gerade recht. Die Urlauber mischten sich unter die Teilnehmerschar und lauschten den Worten und dem Gesang des Wächters: "Wollt' ihr bei Nacht eure Ruh', so schließet Türen und Fenster zu." Zurück am Marktplatz, verabschiedete sich Wettki und wünschte Groß und Klein einen ruhigen Schlaf: "Und wird es morgen tagen, vergesst den Wächter nicht, Gute Nacht, auf Wiedersehen."

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