Modellprojekt mit Dachschaden

Ein Modellprojekt des Landes Rheinland-Pfalz hat einen Dachschaden: Die hölzerne Deckenkonstruktion des Busbahnhofs in Bullay ist einsturzgefährdet. Gutachter sehen die Ursache in einer unzureichenden Entwässerung.

Bullay. Die 1400 Quadratmeter große gewellte Decke des Busbahnhofs Bullay ist nach gerade einmal zehn Jahren mit Pilzen übersät und vom Echten Hausschwamm befallen. Das ist einer der gefährlichsten holzzerstörenden Pilze. Jetzt müssen ein Sachverständiger, Rechtsanwalt und Gericht klären, ob eine architektonische Entgleisung dafür verantwortlich ist. Fest steht bisher: Eine Sanierung kostet 500 000 Euro. Mindestens.

Ortsbürgermeister Matthias Müller kann es nicht fassen. "Dass ein solcher Schaden entsteht, hat niemand für möglich gehalten." Ein beständiges Tröpfeln durchs Dach machte ihn im Sommer darauf aufmerksam, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Außerdem hatte sich eine ein Meter große Holzplatte der Unterverkleidung gelöst. Müller schaltete sofort einen Sachverständigen ein.

Im Schadensbericht heißt es: Die Holzelemente der Dachkonstruktion sind stark von Fäulnis befallen. Der Fehler liegt unter anderem in einer unzureichenden Rinnenhöhe. Der Gutachter wörtlich: "Bei jedem größeren Niederschlag musste die Dachrinne überlaufen und die Holzkonstruktion durchfeuchten." Sein Fazit: "Dieser Dachschaden ist durch unzureichende Entwässerungsplanung und unzureichende Bauüberwachung entstanden." Ein zweites Gutachten kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: "Die Ursache der Schäden ist eine undichte Dacheindeckung sowie eine unzureichende Dachentwässerung."

Landgericht Koblenz eingeschaltet



Wie kann es zu solch einer fatalen Fehlplanung kommen? Das will jetzt der Zeller Rechtsanwalt Georg Wohlleben herausfinden. Er ist Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und vom Gemeinderat eingeschaltet worden. Er hat beim Landgericht Koblenz Antrag auf ein sogenanntes selbstständiges Beweisverfahren eingereicht. Das heißt: Das Gericht bestellt jetzt eigene Gutachter, die den Schaden ermitteln.

Matthias Müller kann indes nur den Kopf schütteln, wenn er sich die Schlamperei anschaut. "Das Projekt war ein Glücksfall für die Entwicklung von Bullay", sagt er, "wir haben dem Umweltbahnhof viel zu verdanken. Und jetzt das!"

Der Umweltbahnhof, zu dem der Busbahnhof gehört, war eines von vier Pilotprojekten des Landes Rheinland-Pfalz. Verkehrsknotenpunkte wurden als Kombination von Schienen- und Busverkehr ausgebaut.

Keine Genehmigung, keine Pläne, keine Prüfstatik



Geleitet und finanziert wurden die Maßnahmen vom Land.Nach der Fertigstellung 2003 ging der Busbahnhof ins Eigentum von Bullay über. Kurios: Trotz seiner stattlichen Größe ist der Busbahnhof als "Fahrgastunterstand" bewertet und deshalb genehmigungsfrei gebaut worden. Im Archiv des Bauamtes bei der Kreisverwaltung Cochem-Zell gibt es also keine Pläne. Die Verbandsgemeindeverwaltung Zell hat lediglich eine Entwurfsstatik, aber keine Ausführungs- und Prüfstatik - und das, obwohl das Dach eine Breite von 20 Metern und eine Länge von knapp 70 Metern hat. Die Form ist einer Welle angeglichen - eine Sonderkonstruktion, die die Entwurfsstatik und Ausschreibung überhaupt nicht vorsah. Anbieter war eine Firma aus Österreich, die es nicht mehr gibt.

Ausgezeichnet mit Architekturpreis



Die verantwortliche Architektengruppe, die sich inzwischen auch aufgelöst hat, weist auf ihrer Internetseite noch darauf hin, dass der Umweltbahnhof mit dem Architekturpreis von Rheinland-Pfalz ausgezeichnet wurde. Nur: Wirklich beglückwünschen kann man zu diesem Werk nicht.

EXTRA

Umweltbahnhof Bullay: Geplant wurde das Vorzeigeprojekt von 1997 bis 1999. Realisiert wurde der Bahnhof 1999 bis 2000. Nach kompletter Fertigstellung wurde er 2003 der Öffentlichkeit übergeben. Die Bausumme ist noch in D-Mark ausgewiesen und betrug 4,2 Millionen D-Mark. 90 Prozent davon übernahm das Land, fünf Prozent die Ortsgemeinde Bullay, fünf Prozent der Kreis Cochem-Zell. Der Busbahnhof ist für sechs Busse ausgerichtet und hat einen kostenlosen Park-and-ride-Platz für 100 Autos. Zwischen dem Busbahnhof und den Bahngleisen gibt es etliche Serviceangebote, unter anderem kostenlose Boxen für Fahrräder und einen beheizten Wartesaal. Jetzt ist das Dach des Busbahnhofs an einigen Stellen einsturzgefährdet. Deshalb sind Abstützungen angeordnet worden, die während des starken Schneefalls in diesem Winter noch verstärkt wurden.

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