Morbach hat zu viele Treppen

Für Rollstuhlfahrer ist jede Stufe ein Hindernis - und in Morbach gibt es genug davon. Hilfe kommt aus dem Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK), der für Gleichberechtigung kämpt. Der TV war mit einer Rollstuhlfahrerin vor Ort unterwegs.

Morbach. Seit 27 Jahren sitzt Gisela Degen aus Wederath im Rollstuhl. Wenn die 41-jährige Angestellte etwas zu erledigen hatte, ist immer eine Begleitung nötig. Die Freiheit, die sie sich mit dem Führerschein erhoffte, den sie vor 13 Jahren erworben hat, hat sich nicht erfüllt. "Erst da merkte ich, dass man als Rollstuhlfahrerin allein ziemlich aufgeschmissen ist", erinnert sie sich.
Bis heute kämpft Degen gemeinsam mit Anita Reichert, der Vorsitzenden des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter im Bereich Mittelmosel bei Kommunen, Behörden, Geschäften, Arztpraxen und Banken für mehr Bewusstsein für ein selbstständiges Leben von Rollstuhlfahrern.
Zu wenig Zebrastreifen


Geldinstitute und Arztpraxen haben mittlerweile mit Rampen und Aufzügen reagiert. "In den letzten Jahren ist zwar viel passiert in Morbach. Doch es fehlen weiter Zebrastreifen, Rampen und Behindertentoiletten", bedauert Degen.
Vorbildlich wurde das neue Morbacher Rathaus für Rollstuhlfahrer ausgestattet, mit einer Behindertentoilette, die ebenerdig zugänglich ist. "Das klappt aber nur, wenn das Rathaus geöffnet ist", schränkt die Rollifahrerin ein. Das gleiche Problem gibt es bei der Behindertentoilette im Pfarrheim. Nur am Busbahnhof ist die für Behinderte zugängliche Einrichtung immer offen.
Die Zahl der Behindertenparkplätze ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Meist kommt Degen auch gut bis an die Geschäfte. Doch dann ist allzu oft Schluss, wenn kein Helfer einspringt: Die dortigen Treppen sind ein unüberwindliches Hindernis. "Oft sind es kleine Maßnahmen, die kaum was kosten, mit denen das Problem gelöst werden kann", kritisiert BSK-Vorsitzende Reichert. Das Geld von Rollstuhlfahrern sei doch genauso viel wert wie das aller anderen Menschen. Gisela Degen weicht oft auf das Internet aus, um sich beispielsweise mit Kleidern einzudecken.
Der BSK bietet Geschäftsleuten auch vor Ort Beratungen an, wie ihr Laden für alle Menschen zugänglich gemacht werden kann, was ja auch Älteren oder Müttern mit Kinderwagen nützt.
Was zudem in Morbach fehlt, ist behindertengerecht ausgestatteter Wohnraum. Degen hat mit ihrem Bruder ein entsprechendes Haus erst bauen müssen.
Was Aktivistin Reichert besonders auf die Palme bringt, ist: "Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und es passiert so wenig." Der Nichtraucherschutz sei doch auch zügig umgesetzt worden. Die UN-Konvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der die Rechte für behinderte Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Reichert schlägt vor, Zeitziele zur Umsetzung der Gesetze festzuschreiben und bei Nichteinhaltung Ausfallzahlungen für behindertengerechte Maßnahmen zu fordern. "Verantwortliche aus Behörden und der Kommune könnten doch mal selbst probieren, in Morbach per Rollstuhl ganz alltägliche Dinge zu erledigen", sagt Reichert.
An potenzielle Arbeitgeber geht der Tipp: "Wer einen Behinderten einstellt, bekommt vom Integrationsamt in Trier eine sehr gute Förderung nötiger Umbaumaßnahmen."
Die BSK-Vorsitzende Anita Reichert ist zu erreichen unter Telefon 06534/940066, Handy 0171/1469564 und per Mail anita.reichert@bsk-mittelmosel.de
Extra

Morbachs Bürgermeister Andreas Hackethal sagt: "Die Gemeinde Morbach steht dem Thema Barrierefreiheit positiv gegenüber." Er verweist auf das Rathaus, bei dem man auf eine größtmögliche Barrierefreiheit geachtet habe. So sei beispielsweise der Aufzug mit einer Sprachansage für sehbehinderte Menschen ausgestattet, eine Besonderheit, die nicht vorgeschrieben ist. Allerdings ist seit einigen Jahren auch vorgeschrieben, dass öffentliche Gebäude behindertengerecht gebaut werden. Hackethal nennt zudem den Arbeitskreis Soziales, in dem Projekte für behinderte Menschen erörtert und ausgearbeitet werden sollen. Auf die Frage, ob er selbst Morbach mit einem Rollstuhl testen würde, sagt der Gemeindechef: "Grundsätzlich bin ich dazu bereit." Ortsvorsteher Georg Schuh, der auch VdK-Ortsverbandsvorsitzender ist, will für die Barrierefreiheit aktiv werden. Er sagt: "Es ist wichtig, Bewusstsein für die Rollstuhlfahrer zu wecken. Ich werde auf die Geschäftsinhaber zugehen und sie auf die Problematik ansprechen." Seit Jahren gebe es ein Bordsteinabsenkungsprogramm im Ortsbezirk Morbach, das aus dem Ortsbudget finanziert werde. dothExtra

Wie viele Menschen in Morbach mit dem Rollstuhl unterwegs sind, wird nicht erfasst. Das Statistische Landesamt registriert lediglich die Zahl der Schwerbehinderten, zu denen Menschen mit vielerlei Beeinträchtigungen gehören, auch beispielsweise der inneren Organe. 2009 hat jeder 13. Rheinland-Pfälzer einen Schwerbehindertenausweis besessen, das heißt, 7,9 Prozent der Bürger war ein Grad der Behinderung von 50 und mehr zuerkannt worden. Morbach hat 3150 Einwohner, 7,9 Prozent davon wären 249. mai Video zum Thema unter volksfreund.de/video