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Morbacher Christian Ergenzinger: Kranke Tiere werden gratis behandelt

Tierschutz : Morbacher kümmert sich: Tiere von Haltern mit wenig Geld werden gratis behandelt

Für den Morbacher Christian Ergenzinger steht das Tierwohl an erster Stelle. Wenn Herrchen oder Frauchen wenig Geld haben und sich den Tierarztbesuch nicht leisten können, hilft er mit seiner mobilen Tierambulanz aus.

Für die meisten Haustierbesitzer dürfte der regelmäßige Tierarztbesuch ein Standardtermin sein. Doch einige Menschen können sich dies nicht leisten. Sie finden Hilfe bei Tierheilpraktiker Christian Ergenzinger, der mit Unterstützung von Tierärzten die Tiere von Obdachlosen, Hartz-IV-Empfängern und anderen bedürftigen Menschen kostenfrei behandelt. Nach Terminabsprache findet man den Morbacher in der Gartenstraße in Koblenz-Lützel.

Ergenzinger steht in seinem sechs Jahre alten Rettungswagen, den er zu einer mobilen Tierambulanz umgebaut hat, und ärgert sich. „Jetzt muss ich Lillys Behandlung schon wieder verschieben“, sagt er. Eigentlich hätte er der Hündin Zahnstein entfernen sollen, aber die Tierärztin, die die Narkose einleiten sollte, musste kurzfristig absagen.

Tierambulanz im Hinterhof: Den Tier-Besitzern die Scham der Armut nehmen

Er ist Tierheilpraktiker und behandelt die Tiere von Menschen, die sich keinen Tierarzt leisten können, ohne Geld dafür zu verlangen. Dafür arbeitet er mit Tierärzten zusammen und zieht mit seiner mobilen Tierambulanz von Morbach nach Koblenz in einen Hinterhof in der Gartenstraße. Der Hinterhof hat einen bestimmten Grund. Ergenzinger möchte den Menschen die Scham nehmen, die mit Armut verbunden ist. Ihm gehe es ums Tierwohl.

„Am offenen Herzen oder den Knochen sollten die Tiere hier nicht operiert werden“, sagt er, dafür sei seine Praxis nicht steril genug. Aber aseptische Operationen seien für die Tierärzte kein Problem. Kastrationen oder Tumorentfernungen etwa. Eine Bedürftigkeitsprüfung gibt es bei ihm nicht, aber er könne die Bedürftigen von denen, die eine kostenlose Behandlung abgreifen wollen, ganz gut unterscheiden.

16 Jahre lang habe er sechs Tage die Woche 16 Stunden lang gearbeitet, mehrmals im Monat die Tiere Bedürftiger kostenlos behandelt in seiner eigenen Praxis in Hannover. Dann brauchte er eine Auszeit. Die nahm er sich von 2019 bis 2020 in England. Dort drehte er Imagefilme für Campingplätze, bis er wegen Corona zurück nach Deutschland kam. „Das war großartig. Tolle Menschen kennengelernt, einfache Arbeit.“ Und das Beste: „Kaum Verantwortung.“

Von Hannover hatte er genug. Weg von der Stadt. So zog er nach Morbach, weil seine Eltern in der Nähe wohnen. Seine Mutter Ingeborg Ergenzinger ist die Vorsitzende des Vereins Tierhilfe Rhein-Mosel. Ergenzinger hatte ihn gegründet, um die Kosten zu decken, die durch die kostenlosen Behandlungen entstehen. „Tierärzte sind gesetzlich abrechnungspflichtig. Sie müssten eine saftige Strafe zahlen, wenn herauskäme, dass sie Tiere kostenlos behandeln.“ Und mit Tierärzten arbeitet Ergenzinger schließlich zusammen.

Tierambulanz: Verein sucht noch Spender

Die Mitglieder des Vereins zahlen zehn Euro im Monat. Ergenzinger freut sich über jeden „potenten Spender“; wie er sagt. „Wir brauchen noch ein Blutanalysegerät“, sagt der 53-Jährige, der als Ingenieur und Personalchef eines Business-Call-Centers arbeitete, bis er sich mit Anfang 30 der Arbeit mit Tieren widmete. So ein Gerät kostet etwa 12 000 Euro. „Wenn es Tieren schlecht geht, geht es mir auch meistens schlecht“, gibt er als Grund für sein Engagement an. Nach den Geschichten der Besitzer fragt er nicht. Jeder Obdachlose, der seinen Hund gut behandelt, sei ihm lieber als diejenigen, die sich mit ihren Hunden schmücken und sie ansonsten vernachlässigen.

Einmal habe er jemanden beim Tierschutzverein gemeldet, da dieser seine Hunde in der Nacht im Keller in eine Hundebox einschloss ohne Zugang zu Wasser. „Ein Hund ist kein Spielzeug“, ärgert er sich über verantwortungslose Menschen. Ein Hund sei ein Gefährte, ein Sozialpartner, der im Moment lebe. Befreit vom Blick in die Zukunft. Das habe er den Menschen voraus. „Und dazu haben Hunde das gleiche emotionale Spektrum wie ein Mensch. Kummer, Leid, Freude, diese Emotionen spüren die genauso wie wir.“ Dafür brauche ein Hund permanent Zuwendung. Katzen, Bullen, oder Pferde, die er ebenfalls behandelt, hätten andere Eigenschaften, die er überaus schätze.

Als Tierheilpraktiker wurde Ergenzinger unter anderem von Dr. Vaclav Ceska, einem ehemaligen Zoodirektor und Assistent von Bernard Grzimek, ausgebildet. Die Kritik an Heilpraktikern in den vergangenen Jahren sei berechtigt, meint er. Einige Kollegen handelten über ihre Kompetenzen hinaus, oder tanzten „mit Federschmuck bekleidet um die Tiere herum“. Er halte nichts von esoterischen Praktiken, aber ernst zu nehmende Naturheilkunde habe damit nichts zu tun. Etwa Akupunktur als Schmerzbehandlung. Mittlerweile würden ihm auch international erfolgreiche Tierärzte Patienten schicken, wenn die schulmedizinischen Versuche erschöpft seien.

Deswegen habe er sich große Mühe gegeben mit seinem Rettungswagen. Ergenzinger raucht, bläst kleine Wölkchen in die Luft. Bei den Behandlungen könnten Tierärzte und Kollegen via App live bei den Untersuchungen dabei sein, beim EKG oder bei Ultraschalluntersuchungen. „Das verhindert diagnostische Fehler“, sagt er. Jeder Experte habe sein eigenes Spezialgebiet. Bis auf ein Röntgengerät sei der Rettungswagen mit modernster Diagnostik ausgestattet. „Der arme Christian“, sagt Ergenzinger, „das ist ein Mist.“ Er muss Christian Dreher, Lillys Besitzer, zum zweiten Mal in Folge vertrösten. In der vergangenen Woche hatte die Tierärztin einen medizinischen Notfall gehabt. Und dann kommt Dreher mit Lilly an, einer schönen, schüchternen sechsjährigen Hundedame mit sehr weichem und gepflegtem Fell. Ergenzinger untersucht sie. Hört sich die Herztöne an, kürzt eine Daumenkralle. Dass der Zahnstein noch bis nächste Woche warten muss, macht Dreher nicht viel aus. Er freue sich darüber, seinen Hund in guter Behandlung zu wissen.

Wer Mitglied werden oder dem Verein etwas spenden möchte, der findet Informationen unter www.tierhilfe-rhein-mosel.de 
- Telefon 0152/36603874.