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Mosel: Zahl der Winzer, die Eiswein ernten, drastisch gesunken

Spezialität : Zahl der Moselwinzer, die Eiswein ernten wollen, ist in diesem Jahr drastisch gesunken

Eiswein ist eine Rarität. Doch in diesem Jahr verzichten zahlreiche Winzer darauf, die Trauben bei Minustemperaturen zu ernten. Warum? Und was bedeutet das für die Liebhaber süßen Weins?

An der Nahe fällt die Eisweinlese für den Jahrgang 2022 komplett aus. Kein einziger Winzer wollte dort das Risiko eingehen und sich wieder einmal vom Wetter überraschen lassen. Denn bei der Lese müssen Minusgrade von mindestens 7 Grad herrschen, die Trauben komplett gefroren sein. Ist es wärmer, fällt die Ernte aus. Diesen Totalverlust an Trauben wollen und können sich immer weniger Winzer leisten. Auch an der Mosel. Lediglich zwölf Betriebe planen, in die Eisweinlese zu starten. Winzer müssen dazu ihre entsprechenden Flächen bei der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz in Bad Kreuznach bekanntgeben.

2021 waren es noch 51 Betriebe

Dort sammelt Benjamin Petry alle Zahlen und Daten. Er sagt, dass die zwölf Betriebe insgesamt 1,6 Hektar Fläche angemeldet hätten. Zum Vergleich: 2021 haben 51 Betriebe 8,6 Hektar angekündigt. Das ist ein dramatischer Rückgang.

Petry sagt: „Es meldeten nur ein Bruchteil der Betriebe/Flächen im Vergleich zum letzten Jahr. Womöglich begründet in der frühen Weinlese und der schlechten Witterung. Da nur gesunde Trauben für den Eiswein verwendet werden, sind wohl viele Winzer nicht überzeugt nach dem durchwachsenen Herbst noch gesunde Trauben zu ernten.“

Stimmt das so?

Das Weingut Dr. Loosen in Bernkastel-Kues gehört zu den größeren Erzeugern an der Mosel. Wenn möglich, produziert der Betrieb in jedem Jahr Eiswein. Denn die Nachfrage ist da. In diesem Jahr schenkt sich der Betrieb jedoch die Lese. Warum? Michael Bergmann vom Vertrieb sagt: „Wir haben in diesem Jahr nichts stehenlassen, weil die Reife der Trauben das nicht zugelassen hat. Außerdem brauchen Rieslingtrauben für Eiswein eine gute Säurestruktur.“ Schließlich sei der Qualitätsanspruch des Weingutes hoch. Bereits im Oktober war die Ernte für das Weingut beendet. Nun bis Januar zu warten, bis vielleicht die erforderlichen Minusgrade über die Mosel hereinbrechen, sei keine Option. „Das ist dann vom Geschmack her auch nicht mehr spannend.“ Seine Prognose: „Ich weiß nicht, wie viele tolle Eisweinjahrgänge wir noch haben werden. Eiswein von der Mosel war schon immer eine Rarität, aber er wird künftig noch seltener werden.“

Diese Einschätzung teilt Sebastian Selbach vom Weingut Selbach-Oster in Zeltingen-Rachtig. „Wir haben zuletzt 2016 Eisweintrauben geerntet. In diesem Jahr haben wir keine Flächen angemeldet. Es war einfach zu trocken, die Trauben waren gezehrt und die Ernte fiel geringer aus. Das hat sich für uns nicht gelohnt.“ In diesem Jahr sei die frühe Ernte erschwerend hinzugekommen. „Wir waren am 18. Oktober fertig. Da wäre die Zeitspanne bis zur Eisweinernte zu groß. Es wird ja immer später richtig kalt.“ Schade eigentlich, denn ausreichend Kunden haben die Selbachs für die Spezialität. Besonders in den USA und Südostasien lieben Weintrinker ihre süßen Tropfen. Selbach sagt voraus, dass das Angebot in Zukunft kleiner ausfallen wird. „Es wird künftig weniger Eiswein geben. Er wird Sammlerwert erreichen und die Preise werden steigen.“

Eisweinlese 2021 in den Weinbergen bei Kinheim: Der Anhänger des Weinguts Dr. Hermann aus Erden ist voll.
Eisweinlese 2021 in den Weinbergen bei Kinheim: Der Anhänger des Weinguts Dr. Hermann aus Erden ist voll. Foto: Moselwein eV/Moselwein eV/Chris Marmann

Aktuell kostet eine 0,375-Liter-Flasche 2016er Zeltinger Himmelreich Riesling Eiswein vom Weingut Selbach-Oster 74,29 Euro im Online-Handel. Nicht schlecht.

Eiswein ist auch eine Frage des Ansehens

Für die Reputation der Winzer spielen die edelsüßen Tropfen auf jeden Fall eine große Rolle. Das bestätigt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Bodenheim: „Eisweine werden international hoch geschätzt. Sie erzielen in Weinwettbewerben regelmäßig höchste Bewertungen und bei Wein­auktionen oftmals Rekordpreise.“

Einer, der stets versucht, Eiswein in den Keller zu bringen, ist Winzer Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen. 2021 hat er zwar keinen Eiswein geerntet, doch in diesem Jahr wagt er einen neuen Versuch und hat 3000 bis 3500 Meter Fläche angemeldet. Ob er die Trauben aber tatsächlich lesen wird, steht noch in den Sternen. „Das kommt auf den Zustand der Trauben an“, sagt er. Denn die Krux besteht darin, ob das Thermometer bald unter minus 7 Grad fällt. Je länger das dauert, umso schlechter für die Traubenqualität. „Wenn die Trauben am Ende zu viel Fäulnis haben, werden wir die auch nicht mehr lesen. Wir checken sie jetzt regelmäßig. Sie sind mit Netzen eingepackt und gut geschützt gegen Vogelfraß.“ Warum geht er dieses Risiko überhaupt ein? „Weil wir es jedes Jahr versuchen“, sagt Molitor. „Ich habe ungefähr mehr als 20 Eiswein-Jahrgänge lückenlos. In den vergangenen Jahren aber wurde es immer schwieriger.“

Was unser Wetter-Experte zu den Chancen sagt

Hoffnung, dass es doch noch frostig kalt wird, macht Meteorologe Dominik Jung. Er verspricht zwar in den nächsten zwei Wochen „nur“ nächtliche Temperaturen von Null bis minus zwei Grad – tagsüber sollen sie sich zwischen Null und fünf Grad einpendeln – doch er sieht einen schmalen Silberstreifen in den Wetterkarten. „Es ist Potenzial da für Schnee und auch für Minusgrade. Es sieht gar nicht mal so schlecht aus in diesem Jahr. Wir hatten schon deutlich wärmere Dezember, die gegen Ende trotzdem noch knackig kalt wurden.“ Wie die Eisweinernte ausfallen wird, kann die Landwirtschaftskammer erst ab dem 15. Januar abschätzen.