Musik hilft auf dem Weg nach vorn

Neue Wege gehen: Das ist ein Ziel im rheinland-pfälzischen Strafvollzug. Ein Gesetz dazu liegt im Entwurf vor. Es verordnet den Justizvollzugsanstalten, sich mehr nach außen zu öffnen. In Wittlich, einem der wichtigsten Gefängnisstandorte im Land, wurde damit begonnen.

Wittlich. Die beiden Wittlicher Gefängnisse, Justizvollzugsanstalt (JVA) und Jugendstrafanstalt (JSA), haben damit begonnen, mit besonderen Angeboten den Inhaftierten beim Weg zurück ins normale Leben zu helfen. Seit Januar unterrichten Lehrer der Kreismusikschule acht Häftlinge an Gitarre, E-Bass, Schlagzeug, Keyboard und in Gesang. Nach dem Konzept von Frank Wilhelmi, dem Leiter der Musikschule, sind 16 Unterrichtsstunden vorgesehen und vier Gesamtproben, am Ende steht eine Aufführung. Im Januar 2013 startet die nächste Gruppe mit dem Unterricht. Ihre Instrumente haben die Gefangenen in ihren Zellen, können also auch außerhalb der Proben üben. Für den ersten Auftritt haben die Musikschüler dreiSongs einstudiert. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Vocalcoach Thomas Siessegger: "Sie sind mit Begeisterung und Ehrgeiz dabei."
JVA-Anstaltsleiter Robert Haase, Pädagoge Manfred Döring und die Erziehungswissenschaftlerin Milagros Manavi vom pädagogischen Zentrum der beiden Anstalten sehen das Anliegen des Gesetzesentwurfes erfüllt. Durch den Unterricht sei es gelungen, die innere Abwehr der Gefangenen zu lösen. Die Männer seien offener für Bildung und Erziehung. In die gleiche Richtung zielten der Fotokurs der Volkshochschule für JSA und JVA und die Anstalt als Spielort der Eifelkulturtage (der TV berichtete).
Übergeordnetes Ziel ist es, weitere Straftaten nach der Haft zu vermeiden und die Gefangenen für die Gesellschaft integrationsfähig zu machen. Dafür sei es hilfreich, wenn die Gefangenen an Selbstbewusstsein durch Erfolgserlebnisse gewinnen, Fleiß trainieren, Disziplin und Pünktlichkeit lernen und erfahren, dass sich Leistung lohnt. All das geschehe über den Instrumentalunterricht, erläutert der Anstaltsleiter. Robert Haase: "Die Gefangenen sind meist sehr selbstbezogen und suchen nach dem eigenen Vorteil. Im Projekt begreifen sie sich als Teil einer Gemeinschaft und lernen, Erfolgserlebnisse mit positiven Dingen zu verknüpfen." Der 26-jährige Häftling am Schlagzeug, der seit 14 Monaten einsitzt, will sich bei der Kreismusikschule anmelden, sobald er in den offenen Vollzug kommt. "Ich hatte schon als kleiner Junge den Drang, Schlagzeug zu spielen, aber nie die finanziellen Mittel", sagt er. Mit der Sozial ermäßigung räumt ihm die Musikschule nun die Möglichkeit ein, sein neu entdecktes Talent weiter zu fördern. Damit erfüllt das Projekt einen weiteren Grundsatz des neuen Gesetzesentwurfes: den Bezug zum gesellschaftlichen Leben zu wahren und zu fördern. sys
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In der JVA sind derzeit 584 Männer inhaftiert. Hier arbeiten 380 Bedienstete. Die Anstalt verfügt über 653 Haftplätze (einschließlich Justizvollzugskrankenhaus und offenem Vollzug). Die Gefangenen arbeiten unter anderem in acht Eigenbetrieben, zu denen Bäckerei, Gärtnerei, Polsterei, Landwirtschaft, Malerbetrieb, Schlosserei, Schreinerei und Wäscherei gehören. Zudem sind sie in acht Unternehmerbetrieben und in vier Wirtschaftsbetrieben, wie Küche und Baubetrieb, tätig. Zur JVA gehört ein Krankenhaus mit allgemeinmedizinischen Ambulanz, einer inneren, einer chirurgischen und einer psychiatrischen Abteilung. Außerdem gehört zur JVA der offene Vollzug mit 77 Plätzen. sysExtra

Dort sind derzeit 179 männliche Jugendliche inhaftiert. Hier arbeiten 162 Bedienstete. Die Anstalt verfügt über 185 Plätze (170 im geschlossenen, 15 im offenen Vollzug). Im Bereich der Bildung bietet die JSA Hauptschulabschlusskurs, Stütz- und Förderunterricht, Deutsch für Nicht-Muttersprachler, Alphabetisierungskurse und den Gabelstaplerführerschein an. Im Bereich der beruflichen Bildung gibt es die Abschlüsse als Tischler und Holzverarbeiter, Metallbauer, Teilezurichter und Metallbearbeiter, Maler und Lackierer und Baumaler. Außerdem werden Hilfs- und Betreuungsmaßnahmen angeboten: zu Psychotherapie, Kunsttherapie, Anti-Aggressivitätstraining, Suchtberatung, soziales Training. sys