Mut zum anderen

"Die Menschen sind schlecht: Sie denken an sich. Nur ich denk' an mich." Ein lustiges Lied, dessen Ironie man leicht erkennt und über das man lächelt. Wirklich nur ein Spaß? Wohl nicht. Eine gehörige Portion Erfahrung steckt darin.

Nicht nur, wenn wir auf die anderen schauen, sondern auch, wenn wir in uns selbst hinein horchen.. Oder stoßen wir da auf gar keinen Egoismus? Jeder ist sich selbst der Nächste, oder nicht? Reformen müssen her, aber bitte schont mich! Schon als Kinder haben wir gelernt: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu." Ein gutes Motto. Ein gutes Prinzip, die anderen und ihr Schicksal in das eigene Denken mit einzubeziehen. Aber letztlich doch defensiv, vorsichtig, auch für eine Ausrede gut: Tue ich nichts, schade ich auch niemandem. Sie alle (oder nicht?) kennen den zentralen Satz aus der Bergpredigt Jesu: "Was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen." Nicht nur im Neuen Testament zu finden, sondern ganz ähnlich in vielen Kulturen dieser Welt. Auch nicht deshalb richtig, weil Jesus ihn seinen Anhängern ans Herz gelegt hat, sondern weil er zu wirklich menschlichem Verhalten auffordert und es möglich macht. Wenn Sie diese Zeitung durchblättern, finden Sie bestimmt zu allen drei zitierten Sätzen Beispiele aus unserem Alltagsleben. Welche faszinieren am meisten? Sind es nicht die zu dem letzten? Warum folgen wir ihm nicht öfter? Warum machen wir ihn nicht zur Grundlage unseres gesamten Zusammenlebens? Es lässt sich leicht ausmalen, wie die Welt aussähe, wenn jeder für sich und wenn ganze Staaten ihr Handeln danach ausrichteten. Aber da zeigt sich auch besonders deutlich ein Problem: Was geschieht, wenn mein Gegenüber - privat oder öffentlich oder staatlich - nicht so denkt? Wenn diese Angst uns beherrscht, dann geschieht nichts. Schon seit der Antike gilt die Tapferkeit als eine der höchsten Tugenden; die Tapferkeit als Mut, das zu tun, was man als wahr und richtig erkannt hat. Etwas für ganze Kerle (männlich wie weiblich). Den Menschen zu tun, was man für sich selbst zutiefst wünscht, auch wenn vielleicht nichts davon zurückkommt: eine hohe Form von Tapferkeit. eine, die man jetzt in der Fastenzeit wieder mal üben könnte, damit man sie im Leben parat hat? Dr. Karl-Heinz Musseleck