Nach der Räumwut kam die Leidenschaft für Weinetiketten

Nach der Räumwut kam die Leidenschaft für Weinetiketten

WITTLICH. Horst Gehrmann aus Wittlich ist ein unermüdlicher Sammler. In seiner Wohnung hat er griffbereit 106 Ordner untergebracht, deren Rücken alle unterschiedliche Beschriftungen tragen. Darin hat er in Klarsichthüllen über 35 000 verschiedene Weinetiketten gesammelt, denen er seit acht Jahren intensiv nachjagt.

Die Weinetiketten besitzen für den Wittlicher Horst Gehrmann einen besonderen, ideellen Wert. Der Wittlicher ist durch seine Sammelleidenschaft längst zum Fachmann für deutsche Weinetiketten geworden. "Ich habe zeitweise alles gesammelt", sagt der 66-Jährige, und es wird spannend, als er Rückblick hält: "Ich bin auch elf Jahre zur See gefahren, habe Bumerangs aus Australien oder Figuren aus Bali mitgebracht. Aber als ich 1995 die Räumwut bekam, bleiben nur 300 Weinetiketten übrig, die der eigentliche Ursprung meines Hobbys wurden." Er gehört dem "Freundeskreis deutscher Weinetikettensammler" an, die alljährlich Versammlungen und zwei Tauschtage organisieren, und auch eine Fachzeitschrift mit Neuigkeiten wird herausgegeben. Die Ordner sind bestückt mit Etiketten von 1852 bis 2005, zusammengestellt nach allen 13 deutschen Anbaugebieten. So zeigen die Etiketten neben Schriften mit der Weindeklaration Anbaulandschaften und Tiere. Etiketten von Künstlern - in jedem Jahr entwirft auch ein Künstler ein eigenes Etikett für den Freundeskreis - sind in einem Extraalbum untergebracht, und auch Weinschilder mit Goldprägung fehlen nicht. Jedes Weinmuseum wäre stolz auf die Sammlung. Besonderen Wert legt der ehemalige Versandleiter auf Wittlicher Etiketten, die er en masse besitzt, und manchmal kopiert er seine alten "Schätze" auch für einen Winzer in der Säubrennerstadt. Ganz einfach waren die Weinetiketten nach dem Ersten Weltkrieg. Das Geld für einen aufwändigen Druck fehlte, erklärt der Rentner, der auch seine Bezugsquellen nennt: "Ich kenne viele Winzer, Weinkellereien, Druckereien, und auch den Spülfirmen danke ich, die mich von Anfang an unterstützen." So sind auch Etiketten von Weinen zu sehen, die an der Mosel für Amerika, Japan oder Rußland abgefüllt wurden. Gehrmann hat sich auch einen Weinatlas zugelegt und mit Textmarker hervorgehoben, was ihm noch fehlt. Dabei hilft auch eine säuberliche "Inventarliste". Probieren konnte er die gesamten Weine natürlich nicht, und er sagt: "Dann und wann gönne ich mir ein Gläschen Ahr-Spätburgunder." Seine Gattin Franziska fährt mit zu den Tauschtagen, bei denen schon manche Freundschaft entstand, und so findet in jedem Jahr ein "Fachtreffen" bei einem Künstler statt. Im Jahr 2006 wurde schon der Bildhauer Anders in Senheim besucht. Nun schmunzelt Gehrmann und erinnert sich: "Anfangs stöberte ich in den Glascontainern bei Supermärkten. Die Freude war groß, wenn ich eine etikettierte Weinflasche entdeckte. Aber ich schaute mich jedes Mal verstohlen um, und es war mir peinlich, wenn ich beobachtet wurde." "Im Internet kosten ältere Etiketten zwischen vier und acht Euro", hat er festgestellt und äußert einen Wunsch: "Ich hätte nochmals gerne ein 1750er-Etikett vom Rüdesheimer Apostelgarten. Diese Etiketten habe ich noch unwissend leider weggegeben."