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Neue Heimat, neue Chance, neuer Anfang

Neue Heimat, neue Chance, neuer Anfang

Im Jugendhof in Gräfendhron werden seit 2005 Jugendliche mit bewegter Vergangenheit betreut. Es wird nach individuellen Lösungen gesucht. Das Ziel: Die Jungen und Mädchen sollen einen Schulabschluss schaffen und Grundlagen für ihr weiteres Leben legen.

Gräfendhron. Die letzte Chance für zahlreiche Jugendliche: Das ist der Jugendhof in Gräfendhron. "Wer zu uns kommt, hat oft schon eine Odyssee durch mehrere Heime hinter sich", sagt Lutz Güldenberg. Der 42 Jahre alte Diplom-Pädagoge und Sozial- und Gesundheitsökonom hat den Jugendhof vor fünf Jahren gegründet. Er ist Leiter, Geschäftsführer und Inhaber der privat betriebenen und als gemeinnützig anerkannten Einrichtung.
Es handelt sich um eine vollstationäre Einrichtung für Jugendliche, die oft schon ein bewegtes Leben hinter sich haben. Dazu gehören traumatisierte Menschen, bei denen wenigstens der Verdacht des Missbrauchs im Raum steht. Jungen und Mädchen mit kompletter Schulverweigerung, mit gewalttätiger Neigung oder aus Patchworkfamilien, die starke Spannungen zum neuen Elternteil nicht ausgehalten haben, finden im Jugendhof ebenfalls eine neue Chance.Keine geschlossene Anstalt


Die meisten haben Erfahrung mit Drogen, sagt Güldenberg. Er betont allerdings: "Wer süchtig ist, ist bei uns nicht richtig aufgehoben."
Das Ziel des Jugendhofs: Die Jugendlichen sollen wieder in die jeweiligen Familien zurückgeführt werden. Wenn das nicht möglich ist, sollen sie wenigstens einen Schulabschluss ablegen. Dafür arbeitet der Jugendhof mit den umliegenden Schulen eng zusammen, sagt Güldenberg.
Wer keine Schule besuchen will oder kann, arbeitet im angegliederten Landwirtschaftsbetrieb. Denn der Jugendhof beschäftigt einen Landwirt und hält bis zu 80 Galloway-Rinder. Die 18 Jahre alte Kim Giebel, die seit 2009 im Jugendhof ist, hat dort sogar eine Lehre als Landwirtschaftshelferin begonnen. Sie ist ein positives Beispiel. Trotz negativer Prognosen hat sie einen Hauptschulabschluss geschafft. "Ich halte mich hier an Regeln und bin zielorientiert", sagt sie.
Dem 15-jährigen Tobias gefällt es gut im Jugendhof, auch wenn es ihm schwerfällt, Regeln einzuhalten. "Aber sie sind gut, und ich muss lernen, damit zu leben", sagt er. Durch den geregelten Arbeitsalltag sollen die Jugendlichen den Anschluss an das gesellschaftliche Leben behalten, erläutert Güldenberg.
Die Vorteile der Einrichtung in Gräfendhron liegen in der Selbstständigkeit und der kleinen Größe: "Wir wollen auf jeden individuell eingehen und suchen passende Lösungen für jeden", sagt Güldenberg. Der Jugendhof sei keine geschlossene Anstalt: "Wenn einer gehen will, dann kann er gehen."
Güldenberg fährt mit seinem Betreuerteam eine Null-Toleranz-Linie: "Mutwillige Strafsachen wie Sachbeschädigungen oder Prügeleien untereinander bringen wir zur Anzeige."
Das Gebäude des Jugendhofs ist vor fünf Jahren neu errichtet worden. Bis zu neun Jugendliche können dort aufgenommen werden. Hinzu kommen eine Außenwohngruppe für vier junge Erwachsene sowie drei Menschen im betreuten Wohnen und eine Person im Rahmen der Eingliederungshilfe. Sie werden von acht pädagogischen Mitarbeitern betreut, die von weiteren Kräften unterstützt werden.
Das 118 Einwohner zählende Gräfendhron hat sich für den Jugendhof als idealer Standort erwiesen. "In diesem kleinen Dorf funktioniert die soziale Kontrolle", sagt Güldenberg. Ursprünglich hatte er die Einrichtung im benachbarten Horath gründen wollen, dann aber wegen Widerständen der Bewohner Abstand davon genommen. Güldenberg: "In Gräfendhron sind wir anerkannt und in die Gemeinschaft integriert."
Nach fünf Jahren zieht der Inhaber ein positives Fazit. Bei einer Umfrage haben die Jugendämter, die die Jugendlichen nach Gräfendhron schicken, der Einrichtung gute Noten gegeben. Güldenberg: "Ich hatte vorher nicht damit gerechnet, dass das Projekt so erfolgreich laufen würde."