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Noch genauso schön wie vor hundert Jahren

Noch genauso schön wie vor hundert Jahren

TRABEN-TRARBACH. Vor genau 100 Jahren wurde der prachtvolle Jugendstilbau des damaligen Hotels Clauss-Feist und heutigen "Bellevue" am Trabener Moselufer eingeweiht, und bis heute hat er nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Von 1901 bis 1903 währten die Bauarbeiten. Für den Berliner Architekten Bruno Möhring (1863-1929) war dies der erste Auftrag in der Stadt, den er nach Fertigstellung der Moselbrücke erhalten hatte.

Die Geschichte des Hauses reicht zurück bis zum 1. April 1826, als H. Clauss das Hotel gründete. Als sich dessen Tochter 1865 mit Robert Feist vermählt, nimmt sie den Doppelnamen Clauss-Feist an und führt mit dem Ehemann das Hotel weiter. Sohn Richard setzt die Tradition fort.Der Vorgängerbau brannte ab

"Neidische Flammen legten mit höhnischem Knistern 1901 den alten Bau in Asche. Aber sie vernichteten ihn nicht. Schöner, zauberischer, geradezu ideal erhob er sich unter Prof. Möhrings Leitung aus ihr", schreibt am 1. April 1926, dem 100-jährigen Bestehen des Hotels, der Traben-Trarbacher Lokal-Anzeiger. Matthias Ganter, jetziger Besitzer des Hotels weiß, dass seinerzeit in einer Schneiderei nebenan das Feuer ausbrach und auf das Hotel übergegriffen hatte. "Es war ein schlichter Bau, der heute keine Zierde mehr wäre", ist er überzeugt. Richard Feist indes lässt sich nicht unterkriegen und verlegt seinen Betrieb während der Bauzeit in das Hotel Kaiserhof am Trabener Bahnhof (heute Firma batra). Am Samstag, 19. September, wird das Haus feierlich wiedereröffnet. Matthias Ganter zeigt die auf Bütten gedruckte Einladung an die "geehrten Gäste". Die Speisenfolge klingt verheißungsvoll: Mailänder Pastete, Kraftbrühe in Tassen, Tarbutt mit zerlassener Butter, Lendenbraten mit Gemüsen umlegt, Brüsseler Masthühner, Dunstobst und Käseplatte sind nur einige der damals gereichten Köstlichkeiten. Dazu kredenzt wird ein 1900er Festwein, Trabener Auslese. Die Flasche kostet 1,50 Goldmark. Der älteste Tropfen ist eine 1893er Scharzhofberger feinste Auslese zu zwölf Mark. Matthias Ganter weist auf die stolzen Weinpreise hin: "Eine Goldmark entsprach 25 D-Mark". Als Richard Feist 1913 stirbt, übernimmt Ehefrau Ida, eine geborene Bösebeck, die Leitung. "Sie war eine hoch angesehene Frau", weiß der heutige Besitzer. "Altrenommiertes Haus ersten Ranges, moderner Neubau mit fließ. Wasser, Sehenswürdigkeit in landschaftlich herrlicher Lage", so bewirbt "Frau Richard Feist" 1928 ihr Hotel. Zehn Jahre später stirbt sie und ihre Schwester und langjährige Mitarbeiterin Johanna Bösebeck führt die Geschäfte bis ins hohe Alter fort. Zwei Jahre vor ihrem 90. Geburtstag übernimmt ihr Neffe Karl-Heinz Bösebeck das Hotel, in dem in den zurückliegenden Jahrzehnten viele Prominente übernachtet haben. Heinz Rühmann, Willi Schneider, Prinz und Herzogin von Anhalt und Freiherr von Richthofen sind nur einige der illustren Namen, die sich in dem seit 1903 geführten Gästebuch finden. Karl-Heinz Bösebeck verkauft das Haus 1986 an die Rema-Gruppe. "René Pierre Marquigny erwarb das Hotel mit der kompletten Einrichtung für 500 000 Mark", berichtet Matthias Ganter.In früheren Jahren ein reines Sommerhotel

Doch sechs Millionen Mark werden danach in das Hotel investiert, das umgebaut, grundsaniert und renoviert wird. Ende 1998 erwirbt Matthias Ganter, gebürtig aus dem Schwarzwald und gelernter Hotelkaufmann und Koch, das Jugendstilhotel, in dem er 50 Vollzeit-Mitarbeiter und vier Auszubildende beschäftigt und das heute mit den dazu gehörenden außenliegenden Apartments über 60 Zimmer verfügt. "Das Haus steht unter einem guten Stern", freut er sich. "Mit jedem Jahr, das es älter wird, gewinnt es an Wert." War das alte Haus Clauss-Feist noch ein reines "Sommerhotel" und von Anfang November bis Karfreitag geschlossen, so ist das "Bellevue" an 365 Tagen geöffnet. Nicht nur Senioren reisen an die Mosel, auch viele junge Urlauber schätzen inzwischen das einzigartige Ambiente des Jugendstil-Hotels. Matthias Ganter ist glücklich, dass sein Haus 100 Jahre alt wird, zwei Weltkriege überstanden hat und nicht der Renovierungswut der 50er, 60er und 70er Jahre zum Opfer gefallen ist. Für eine große Geburtstagsfeier ist indes jetzt in der Hauptsaison keine Zeit. Die aber soll im November nachgeholt werden.