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Norbert Schemer ist seit 45 Jahren Ortsvorsteher in Morbach-Haag

Kommunalpolitik : Mehr als ein halbes Leben für sein Dorf im Einsatz

Norbert Schemer ist seit 45 Jahren Ortsvorsteher im Morbacher Ortsbezirk Haag. Doch bald ist damit Schluss.

„Ortsvorsteher ohne Verfallsdatum“ titelte der Trierische Volksfreund, als er vor fünf Jahren darüber berichtete, dass der damals 76-jährige Norbert Schemer seit 40 Jahren als Ortsvorsteher in Morbach-Haag tätig sei und spielte mit der Überschrift auf die Tatsache an, dass ein Ende  von Schemers Amtszeit nach vier Jahrzehnten immer noch nicht in Sicht war. Das hat sich jetzt geändert. Sein letzter Arbeitstag als Dorfchef im 480-Einwohner-Dorf Haag ist der 13. August. An dem Tag ist die konstituierende Sitzung im Ort. Schemer hatte sich im Mai bei der Urwahl nicht erneut um das Amt beworben.

Haag ist im Umland bekannt für sein gutes Vereinsleben. Fast jeder „Häjer“, wie sich die Dorfbewohner selbst nennen, ist in mehreren Vereinen engagiert. Vor allem kennt man das Dorf wegen des großen Zusammenhalts. Von „Haager Verhältnissen“ spricht man im Hunsrück, wenn es um große Einigkeit geht. Beispielsweise bei Wahlergebnissen jenseits der 80 oder gar 90 Prozent. Denn das sind die Ergebnisse, die Schemer in der Vergangenheit bei Urwahlen häufig eingefahren hat. Das war allerdings nicht immer so. Gewählt wurde er im April 1974 ganz knapp – mit 4:3 Stimmen. Mit 36 Jahren war er damals der jüngste Ortsbürgermeister in der Verbandsgemeinde Morbach.

Verbandsgemeinde? Richtig, da war doch was. Im April 1974 war Morbach noch Verbandsgemeinde. Aber nicht mehr lange: Nur acht Monate später wurde in einem Pilotprojekt der damaligen Landesregierung aus der Verbandsgemeinde Morbach eine Einheitsgemeinde. Und aus der Ortgemeinde Haag ein Ortsbezirk. Gegen den Widerstand des ganzen Dorfes. Schließlich verloren die Haager ihre Selbstständigkeit und waren bei allen größeren Projekten  auf die Zustimmung des Gemeinderates Morbach angewiesen. Und: Haag war eine relativ finanzstarke Gemeinde gewesen. Vor allem wegen der Einnahmen aus dem Gemeindewald. Doch der Widerstand ebbte schnell ab, als die Ortsbezirke eigene Budgets zu verwalten hatten. Zwar kann Haag aus eigener Kraft beispielsweise kein Feuerwehrgerätehaus sanieren (dennoch ist das renovierte und erweiterte Gebäude  vor wenigen Wochen eingeweiht worden), aber Schemer verfügt pro Jahr nach eigenen Angaben über rund 6000/7000 Euro für Gemeindehaus, Straßen und Wirtschaftswege.

Der altgediente Ortsvorsteher hatte vor 45 Jahren ein paar junge Leute im Rat um sich geschart. Denn damals sei abzusehen gewesen, dass „die Landwirtschaft bald keine Rolle mehr in unserem Dorf spielen würde. Für unseren Heimatort wollten wir eine auf die Zukunft ausgerichtete Politik gestalten“, sagte er dem Gemeinde- und Städtebund in einem Interview. Damals habe es in Haag noch „in fast jedem Haus eine Landwirtschaft gegeben“. Haag hatte noch zwei Gaststätten, drei kleine Läden und die Post. Die Post sei als letztes verschwunden.

Der Strukturwandel sei damals abzusehen gewesen: Die Landwirtschaft spielte wenige Jahre später kaum noch ein Rolle. Dafür stand die Erneuerung von Wasser- und Abwassereinrichtungen und der Bau einer Kläranlage an. Die Ortsstraße musste saniert und  Bauernhäuser mussten umgebaut werden. Längst sind diese Projekte ebenso Wirklichkeit wie eine Turn- und Leichenhalle.  In all den Jahren seien drei Neubaugebiete entstanden. Als letztes Dorf in der EG Morbach habe es in Haag eine Flurbereinigung gegeben.

Übrigens: Nicht alle Einrichtungen sind verschwunden. Die Schule, die von Kindern aus Haag, Merscheid, Elzerath und Heinzerath besucht werde, existiert noch mit vier Jahrgängen in zwei Klassen. Aber Haag habe um sie ganz schön kämpfen müssen. Als einen Grund für den aktuellen Erhalt nennt er die unvollendete Kommunalreform wegen der Verbandsgemeinde Thalfang. Es sei noch nicht klar, ob künftig Kinder aus weiteren Dörfern nach Haag in die Schule gehen. Wie hat sich denn seine eigene Arbeit über die Jahre verändert? Der wichtigste Einschnitt kam  bereits nach wenigen Monaten. Dank der Umstrukturierung in eine Einheitsgemeinde war Schemer plötzlich nicht mehr zuständig für größere Investitionen. Wobei Schemer „keinen großen Unterschied mehr zwischen Ortsgemeinde und Verbandsgemeinde“ sieht.

Auch die Menschen seien anders geworden. Man komme häufiger auf den Ortsvorsteher zu, stelle mehr Ansprüche. Aber damit sei er gut klargekommen. Schemer: „Wenn  nicht, hätte ich viel eher aufgehört.“ Auch zu seinen Ortsbeiräten habe er ein „Superverhältnis“. Man  war sich einig, da konnte man viel erreichen. Das gelte auch für die Dörfer. Bei Meinungsverschiedenheiten müssten Lösungen gesucht werden. Denn: „Wenn es Streit gibt, geht das Dorf kaputt.“ Doch der Einzug von modernen Medien in den kommunalpolitischen Alltag wie etwa Laptops, das sei nichts mehr für ihn. Und einmal müsse schließlich Schluss sein. Bei der Urwahl Ende Mai hat niemand in Haag  für den Ortsvorsteherposten kandidiert. Ob sich denn aus den Reihen des neuen Ortsbeirates jemand findet? Dazu will der 81-Jährige nichts sagen: „Ich halte mich da raus.“ In der Dorfpolitik will er nicht weiter mitmischen. Es sei denn, er werde um Rat gefragt.

Aber einen Ratschlag hat er an den künftigen Ortschef oder die Ortchefin dann doch: Wenn es dann doch mal Auseinandersetzungen gibt: „Immer erst mal eine Nacht drüber schlafen.“