Normalität statt Professionalität

Normalität statt Professionalität

WITTLICH. Integration heißt immer, bisherige Randgruppen aufzunehmen in den ganz normalen Alltag. Der Freizeitclub mit Behinderten FCB integriert körperlich, geistig und mehrfach behinderte Menschen aller Altersklassen.

Die Mitarbeiter des FCB unterscheiden nicht gerne in "Behinderte" und "Nicht-Behinderte". Jeder wird einfach beim Namen genannt, wenn sie gemeinsam ins Kino, auf den Minigolfplatz, in einen Freizeitpark oder zum Manderscheider Burgenfest aufbrechen. Und jeder hat seine besonderen Sympathien für den einen Teilnehmer und Schwierigkeiten mit dem anderen. Albert (alle Namen von der Redaktion geändert) läuft bei jeder Gelegenheit weg, Tina fasst alle an und kommt einem ständig sehr nahe, Manni spricht überhaupt nichts, während Sabine fast ohne Unterbrechung "quasselt". Es ist eben nicht nur wie im richtigen Leben, es ist ganz und gar das richtige Leben: jeder mit eigenen Charakterzügen, mehr oder weniger liebenswerten Macken und Meisen.Immer kleine Abenteuer

Wer im FCB aktiv wird, hat eher selten von Berufs wegen mit Behinderten zu tun. Das sei eigentlich besser so, sagt der Vorsitzende Bernhard Simon: "Wir bringen nicht Professionalität, sondern Normalität in das Leben unserer Teilnehmer." Meist fällt die Entscheidung für den Club von einer Stunde auf die andere. Geschäftsführerin Marlies Fendrich und ihre Tochter Judith sind anschauliche Beispiele. Sie besuchten vor etwa eineinhalb Jahren in St. Markus den routinemäßig stattfindenden Gottesdienst für Behinderte. "Rein zufällig", erinnern sie sich. Die anschließende Begegnung auf dem Vorplatz beeindruckte beide so sehr, dass sie sich seitdem beim FCB mit einbringen. Der heutige Besuch der Feuerwache geht auf ihr Konto: Marlies' Mann Reinhold ist Jugendwart bei der Feuerwehr und lässt die Teilnehmer an die Spritzen und auf die Drehleiter. Welch ein Abenteuer, hinaufzufahren in den Himmel, gekleidet in echte Feuerwehranzüge. Sehr rasch, das sagen alle Aktiven, seien die Berührungsängste abgebaut, die die meisten zur ersten gemeinsamen Aktion mitbringen. Nach wenigen Minuten gibt es nur noch Bereicherte: Die Teilnehmer, weil sie sich auf die guten Ideen, die Offenheit und die Lust zu helfen verlassen können, die FCB-Mitglieder, weil sie, wie Bernhard Lehnen es ausdrückt, "so viel zurückbekommen". Da ist die menschliche Wärme, die Dankbarkeit, die Freude in den Augen derer, die da rutschen, schwimmen, Möhren schnippeln, zur Live-Musik tanzen. "Wir machen keine utopischen Dinge", sagt Miriam Simon, "nur Sachen, die bezahlbar sind und die jede Familie hier und da mal macht." Apropos bezahlbar: Der FCB ist auf Spenden angewiesen, um seine Aktionen, die immerhin Sprit, Eintritt und Getränkegeld kosten, finanzieren zu können. Auch die Teilnehmer entrichten einen kleinen Kostenbeitrag. Lehnen: "Ja, manchmal scheitert die Teilnahme eines Menschen leider daran, dass er das nötige Kleingeld nicht hat." Über die ehrenamtliche Arbeit können Bescheinigungen ausgestellt werden, die als Praktika anerkannt werden.

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