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Notfallnachsorge des DRK in Bernkastel-Kues helfen Hinterbliebene

Lebenshilfe : Wenn Menschen plötzlich trauern - Notfallnachsorger helfen Hinterbliebenen

Menschen regaieren ganz unterscheidlich auf Todesnachrichten. Oft brauchen sie Hilfe. Die ehrenamtlichen Notfallnachsorger des DRK im Kreis Bernkastel-Wittlich unterstützen Angehörige, die einen Menschen verloren haben.

Vor dem Fenster steht dichter Nebel, man sieht kaum das Cusanus-Krankenhaus gegenüber. Lotte Stüttgen packt den roten Einsatzrucksack: Ein Klemmbrett, ein Eselstofftier, eine gelbe Warnweste, Schokolade, Malbücher.

Vor 20 Jahren kam Lotte Stüttgen und Erwin Klasen eine Idee: Sie gründeten die Notfallnachsorge im Kreis Bernkastel-Wittlich, um Angehörige von Verstorbenen zu betreuen. Mittlerweile arbeiten 30 ausgebildete Helfer ehrenamtlich in der Notfallnachsorge. Mehr als 100 Einsätze leisten sie im Jahr.

Wenn ein Mensch etwa bei einem Autounfall stirbt, begleiten die Notfallnachsorger die Polizisten, um die Todesmeldung zu überbringen. Oft treffen sie sich danach mit den Menschen, um ihre Trauer zu begleiten.

Erwin Klasen sagt, es sei wichtig, innerlich distanziert zu bleiben: „Wenn du anfängst mitzuleiden, hast du verloren.“

Wenn sie im Trauerhaus sind, legen sie ihre Weste ab. „Die Weste ist der Türöffner“, sagt Klasen. Aber danach sei es wichtig, in ganz normaler Kleidung aufzutreten, damit sich die Menschen öffnen. Das passiert erst, nachdem die Polizei gegangen ist. Klasen: „Solange die Polizei vor Ort ist, behalten die Menschen noch ihre Fassung. Erst danach brechen die Gefühle aus ihnen aus.“

Nicht nur bei Unfällen rücken sie aus. Sie wurden auch schon in Unternehmen gerufen, um den Mitarbeitern eines verstorbenen Kollegen beizustehen.

Oft würden es Hinterbliebene gar nicht begreifen, dass ihr Angehöriger gestorben sei. Vor allem, wenn sie die Person nicht sehen, wenn es woanders passiert ist, etwa bei einem Verkehrsunfall. „Das Begreifen kommt erst später“, sagt Klasen. 

Die Ehrenamtler stellen sich auf ganz unterschiedliche Reaktionen der Menschen ein. Einige weinen sofort, andere stoßen einen lauten Aufschrei aus, wieder andere schweigen oder schauen mit einem leeren Blick an den Notfallnachsorgern vorbei. Klasen: „Wenn jemand schweigt und nicht mit uns reden will, muss man geduldig sein, auch mal die Klappe halten und bei ihm sitzen.“

Einmal, sagt Klasen, habe eine Frau ihm mit der Hand auf die Wange gehauen, als er von dem Tod ihres Angehörigen erzählte, „ganz leicht nur, nicht schlimm. So als wollte sie damit sagen, was erzählst du da?“

Lotte Stüttgen sagt, die Aufgabe der Notfallnachsorger sei es auch, die starken Eindrücke abzumildern, wenn auf einmal die Polizei vor der Tür stehe. Gerade bei Suizidfällen sei zusätzlich noch die Kripo vor Ort. Hinterbliebene bekämen in diesen Fällen oft Schuldgefühle. Stüttgen: „Die Polizisten fragen uns manchmal, wie wir das emotional aushalten. Aber wir erleben ja auch schöne Momente, wenn die Polizei längst gegangen ist. Wir lassen uns auch schöne Erinnerungen erzählen, die Hinterbliebenen zeigen uns Fotos.“ Mit den Hinterbliebenen treffen sie sich öfter, in einige Fällen bis zu zwölf Mal. „Wir verlassen das Trauerhaus erst, wenn gelacht wurde.“

Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Notfallnachsorger dauert ein halbes Jahr. Dabei treffen sich die Nachsorger mit den Auszubildenen zweimal im Monat im Schulungsraum. Die Erfahrenen erzählen dann von konkreten Einsätzen. „Da merkt man auch, wer von den Auszubildenden für die Tätigkeit geeignet ist. Zum Beispiel, wer neugierig ist, Fragen stellt.“ Man müsse psychisch stabil sein, um das alles auszuhalten.

In der Zeit besuchen die Auszubildenden auch einen Bestatter, um sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Das Wissen ist wichtig: Wenn die Angehörigen es wünschen, unterstützen die Notfallnachsorger sie  auch dabei, Beerdigungen zu organisieren.

Jeder Notfallnachsorger kann selber entscheiden, ob er einen Einsatz annimmt. Ein Notfall kann in jeder Lebenslage eintreten: Lotte Stüttgen: „Erst gestern war ich dabei, einen Frankfurter Kranz zu backen, einen Geburtstagskuchen. Da habe ich einen Einsatz bekommen und angenommen. Ich war dann um ein Uhr wieder zu Hause und habe weitergebacken.“

Beide sagen, sie hätten durch iese Arbeit eine positivere Einstellung zum Leben bekommen. Und: Sie freuen sich mehr über Kleinigkeiten.

Draußen ist noch immer dichter Nebel. Erwin Klasen schaut hinüber zum Fenster. „Andere würden sagen, wir haben schlechtes Wetter. Aber für uns ist das schönes Wetter. Hier drinnen ist es warm, uns geht es gut.“

Der Einsatz des DRK Kreisverbandes Bernkastel-Wittlich erfolgt durch die Leitstelle Trier unter der Rufnummer 112 (Stichwort Notfallnachsorge). Für Anforderer und Betroffene entstehen keine Kosten.