Novemberpogrom 1938 in Osann: Vertreibung und Verleugnung

Geschichte : Novemberpogrom 1938 in Osann: Vertreibung und Verleugnung

Martha Bermann, damals 24 Jahre alt und in Osann lebend, erinnert sich.

Den Novemberpogrom von 1938 erlebten nur noch 14 Juden in Osann. Die damals 24 Jahre alte Martha Bermann erinnerte sich sehr genau an den 10. November, als sie 1957 im Zuge ihrer „Wiedergutmachung“ eine eidesstattliche Erklärung abgab.

Zum ersten Teil der Aktion, bei der auch die Synagoge geschändet wurde, hielt sie fest: „Gegen 1 Uhr nachmittags kam eine mit Äxten und Hämmern bewaffnete Bande in das Haus meiner Eltern (Anmerkung des Verfassers: in der Griesgass, heute Bernkasteler Straße 66) in Osann. Obwohl ich wegen einer starken Erkältung zu Bette lag, bekam ich den Befehl, sofort das Haus zu verlassen, ohne dass mir Zeit gelassen wurde, mich richtig anzukleiden. Nachdem ich eine Zeitlang auf der Straße in der Kälte zurückgehalten wurde, ging ich wieder in die Wohnung zurück, kleidete mich an, packte ein kleines Köfferchen mit den notwendigsten Sachen und ging mit meiner Mutter zu Frau Ermann, die in derselben Straße wohnte, wo wir auch die Nacht verbrachten, weil wir Angst vor den Bestien hatten. Gegen 3 Uhr nachmittags kam die Gestapo aus Trier und verhaftete die jüdischen Männer, die ins Wittlicher Gefängnis verbracht wurden.“

Insgesamt waren rund 30 000 Juden reichsweit in „Schutzhaft“ genommen worden. Den Abschluss der „Judenaktion“ (so der NS-Jargon) erledigten 20 bis 30 Ortsbewohner Osanns: „Um 7 Uhr abends fing die Plünderung unseres Hauses an, die ich vom Dachfenster Ermann mit ansah. Mit Fackeln der Feuerwehr Osann war das Haus beleuchtet, damit die Zerstörung und Beraubung gründlicher vorgenommen werden konnte. Am nächsten Morgen durfte ich unser Haus betreten, musste aber feststellen, dass die Eingangstüre mit Brettern vernagelt war. Ich erfuhr, dass der damalige Ortsvorsteher Nikolaus Traut dies veranlasst hatte. Zudem habe er von der NSDAP-Kreisleitung den Befehl, dass ich das Haus nicht mehr betreten dürfe. In meiner Verzweiflung rief ich den Oberwachtmeister Hebecker in Wengerohr an, er möge gleich nach Osann kommen, damit ich das Haus wieder betreten könne. Nach Eintritt fand ich ein unbeschreibliches Chaos vor. Der Hausrat war teils zerschlagen oder sonst unbrauchbar gemacht. So wurden beispielsweise die zur Auswanderung neu angeschafften Matratzen und viel andere Gegenstände mit Öl getränkt und mit Gelee überschüttet. Viele Einrichtungsgegenstände waren gestohlen. Die Waren im Laden – Manufakturwaren und Lebensmittel – waren geraubt. Einige Reste lagen noch zerstreut auf dem Boden.“

Das abgepresste Geld (2500 Reichsmark) erhielt die Familie Bermann einige Tage später zurück, nachdem die Tochter in Trier und Osann mehrmals von der Gestapo verhört worden war.

Flucht und Ermordung

Leo Bermann flüchtete nach seiner Freilassung Mitte Dezember 1938 mit seiner Frau Franziska und der jüngeren Tochter Alma nach Amersfoort/Holland, wo Franziska im Februar 1942 verstarb. Er selbst wurde vom Lager Westerbork Anfang 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort endete sein Leben im Gas. Alma war bereits im September 1942 nach Auschwitz verschleppt worden. Sie starb dort wenige Wochen nach ihrer Ankunft im Alter von 24 Jahren. Martha Bermann harrte mit ihrem Mann Fritz H. Falkenstein – sie hatten im Sommer 1938 in Wittlich geheiratet – noch bis Ende Februar 1939 in Osann aus, um sich dann zunächst in Echternach/Luxemburg in Sicherheit zu bringen. Da den geflüchteten Juden in Luxemburg untersagt war, Wohnungen zu mieten, musste das Paar in einem Hotel wohnen. Den Beiden gelang noch rechtzeitig die Flucht nach New York, wo sie im Februar 1940 eintrafen. Im März 1945 kam der einzige Sohn David zur Welt, der später ein angesehener Arzt im Beth Israel Medical Center wurde und als Vater von vier Kindern im April 1998 starb. Martha Falkenstein, geborene Bermann überlebte ihren Mann Fritz H. um 20 Jahre und starb 2015 im Alter von 101 Jahren.

Die Wahrheit suchen

Im Oktober 2010 veranlasste der Osanner Bürger Andreas Filz die Setzung eines Gedenksteins gegenüber der Schule für die mehr als 30 deportierten und ermordeten Juden aus Osann. Der Wittlicher Bildhauer Sebastian Langner meißelte auf Vorschlag des Initiators ein Albert-Einstein-Zitat in den Basalt: „Mit dem Recht nach der Wahrheit zu suchen ist auch die Pflicht verbunden, nicht einen Teil des als Wahrheit Erkannten zu verschweigen.“

Als nach Kriegsende die juristische Aufarbeitung der Pogromverbrechen – zunächst unter Leitung der Alliierten – in die Wege geleitet wurde, erwies sich die Wahrheitssuche nicht nur in Osann als schwieriges Unterfangen. Obwohl der Pogrom, wie Historiker immer wieder betonen, „ein öffentlicher Vorgang, kein Geheimnis war“ (Raphael Gross), verweigerten die früheren „Volksgenossen“ gegenüber den Ermittlern allzu oft die Aussage. Belastungszeugen gab es kaum – dagegen war man sehr schnell bereit, die ortsbekannten Täter und ihre Helfer mit fadenscheinigen Darlegungen zu entlasten, und bei den Beschuldigten selbst war der Erinnerungsverlust groß. Auch Osanner Tatverdächtige schoben die Verantwortung ab auf im Krieg gefallene oder inzwischen verstorbene Pogromaktivisten.

In einem „Zwischenbericht“ an das Justizministerium zur Zerstörung der Synagoge und weiteren antijüdischen Ausschreitungen in Osann vom Juni 1947 wurden unter anderem zehn noch lebende Tatverdächtige aus Osann und Monzel benannt, gegen die im August Anklage wegen schweren Haus- und Landfriedensbruchs und Verbrechens gegen die Menschlichkeit gemäß Artikel 10 des Kontrollratsgesetzes erhoben wurde. Bei der Hauptverhandlung in Osann am 13. April 1948 gab es drei Freisprüche; die drei Hauptbelasteten, die Winzer Nikolaus Haubst und Nikolaus Veit, erhielten mit 14 beziehungsweise 16 Monaten sowie der Bäckermeister Johann Pauly mit neun Monaten die höchsten Strafen, während das Strafmaß für die Mittäter deutlich milder bemessen war. Fünf Verurteilte gingen in Revision. Das OLG Koblenz hob das erste Urteil im Januar 1949 auf, weil die Täter doch nicht im Sinne einer „öffentlichen Zusammenrottung“ gehandelt hätten und sie zudem „zweifellos Opfer der politischen Verhetzung geworden waren.“  Das hatte fast die Halbierung der ursprünglichen Strafen zur Folge, und am Ende wurden nur wenige Monate der Gesamtstrafen auch wirklich verbüßt, weil das erste unter der Adenauer-Regierung erlassene Gesetz, das „Bundesstraffreiheitsgesetz“ vom Dezember 1949 in Kraft getreten war.

Einige der Osanner Verurteilten reklamierten diese Amnestie für sich und das Landgericht Trier sah das genauso – schließlich hätten sie nicht aus „ehrloser Gesinnung“ gehandelt. In diesem Sinne hatten einige Osanner ihren Mitbürgern „Leumundszeugnisse“ ausgestellt.

Zu den Nachkriegslegenden gehört die Erzählung, die Pogromaktivisten seien stets SA- und SS-Männer „von auswärts“ gewesen, Ortsansässige hätten sich an den Verwüstungen nicht beteiligt.  Richtig ist, dass auch in Osann SA-Standartenführer Fritz Ancel zusammen mit SA-Sturmbannführer Fritz Teusch – beide aus Wittlich – die „Judenaktion“ initiierten. Diese Fanatiker hatten am Vormittag des 10. Novembers bereits in Wittlich gewütet und sich dann mit Kraftfahrzeugen in Begleitung anderer Parteigenossen in mehrere Orte der Region begeben (zum Beispiel auch nach Bengel und Bausendorf). Ohne die aktive Unterstützung durch jeweils ortsansässige Aktivisten wären diese Trupps von außerhalb jedoch kaum in der Lage gewesen, ihr Zerstörungswerk in meist kurzer Zeit auszuführen. Für Bernkastel-Kues ist besonders klar belegt, wie ortsansässige Parteigenossen einem Trupp von Weinbergarbeitern unter Führung des Weingutsbesitzers und SA-Sturmführers Fritz Melsheimer aus Siebenborn den Weg zu den Juden wiesen, aber auch selbst Hand anlegten.

Die Schikanen der Osanner Nazis gegenüber ihren „jüdischen Mitbürgern“ bereits vor dem Pogrom sind inzwischen gut dokumentiert. Die Ermittlungsakten zum Pogrom selbst bestätigen die Erinnerungen von Martha Falkenstein in den wichtigsten Punkten und enthalten noch weitere erschütternde Hinweise, wie andere Osanner Juden am 10. November 1938 schikaniert wurden.

 Im Sommer 2014 übergab die Osanner Bürgerin Helga Schilken dem Ortsbürgermeister Armin Kohnz einen kleinen Knopf, den sie als junges Mädchen und Nachbarin der Bermanns in der Straßenrinne nach dem Pogrom gefunden und über 75 Jahre zur Erinnerung aufbewahrt hatte.

Martha Bermann mit ihren Eltern und ihrer Schwester Alma. Die jüdische Familie wurde 1938 aus Osann vertrieben. Foto: TV/Archiv Leslie Kölsch
Ein Gedenkstein in Osann. Foto: TV/Franz-Josef Schmit
Die Erklärung von Nikolaus Filz zu den Pogromschäden im Haus Leo Ermann in Osann. Foto: Foto: Franz-Josef Schmit/Franz-Josef Schmit
Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus Bermann in Osann. Foto: TV/Foto: Franz-Josef Schmit

Kein bedeutender Fund, aber doch ein Zeichen kindlich humanen Empfindens und der gewachsenen Einsicht, die Erinnerung wach zu halten.

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