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Nur 6,7 Prozent der Bürgermeister in Bernkastel-Wittlich sind Frauen. Warum?

Weibliche Bürgermeister : Mehr Netzwerke, mehr Vorbilder, mehr Mut - Wenige Frauen in der Kommunalpolitik

Frauen regieren mit:  Angela Merkel hat in der Bundesrepublik das Sagen, im Land Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Doch schaut man sich an der Basis um, etwa in den Ortgemeinden im Kreis, sieht es ganz anders aus.

6,7 Prozent der Ortsbürgermeister im Landkreis Bernkastel-Wittlich sind weiblich. Das bedeutet: In den 105 Kommunen (Zahlen siehe Kasten) stehen ganze sieben Ortsbürgermeisterinnen in der Verantwortung. Die Zahl ist überraschend klein. Woran liegt das denn? „Frauen haben so viele Aufgaben“, sucht Dorothea Kuhnen, seit drei Jahren Dorfchefin in Platten nach einer Erklärung. Da sei der Beruf, die Kinderziehung, manche hätten auch Eltern zu betreuen. Viele  Frauen seien nicht unbedingt auf der Suche nach einem Halbtagsjob. Denn vom Zeitaufwand forderte das Ortsbürgermeisteramt sicher 20 Stunden in der Woche. Bei vielen Projekten – etwa bei der Sanierung mit dem Kriegerdenkmal gemeinsam mit der Kirche – werden ehrenamtliche Helfer gesucht. Und da würde es nicht gut ankommen, wenn ausgerechnet die Bürgermeisterin fehle.

Kuhnen hat dieses Amt als Parteilose vor drei Jahren übernommen, als ihr Ehemann und Vorgänger Alfons Kuhnen es nach zwölf Jahren aufgab. Sie habe sich damals einfach gesagt: „Ich probiere das.“ Die 56-Jährige hatte Lust, für Menschen da zu sein und für den Ort etwas zu erreichen.

Kuhnen hält es für sehr wichtig, „dass sich mehr Frauen  auf der öffentlichen Ebene engagieren“. Frauen haben doch einen „anderen Blick auf die Dinge“. Um ein Dorf voranzubringen, brauche es viele verschiedene Persönlichkeiten – Männer und Frauen. Dass sie nach drei Jahren nicht wieder kandidiert, war von vornherein beabsichtigt, sagt Kuhnen, die im Hauptberuf  als Verwaltungsfachwirtin bei der Kreisverwaltung arbeitet. Und was könnte Frauen motivieren, ein solches Ehrenamt zu übernehmen? „Vielleicht ein weibliches Vorbild“, sagt Kuhnen.

„Viele finden ja Kommunalpolitik langweilig. Dabei ist es ja so schön, im eigenen Ort etwas bewegen zu können.“ Das sagt die 35-jährige Melanie Wery-Sims, die seit fünf Jahren mit ihrem Ehemann und vier Kindern im 300-Einwohner-Ort Breit lebt. Dass man etwas bewegen kann, hat sie schon gemerkt, als sie sich mit anderen Eltern und viel Engagement dafür eingesetzt hat, dass die Grundschule in Heidenburg nicht geschlossen wird. „Aber ich hatte schon ein bisschen Angst, mich als Frau zu bewerben.“ In Breit tritt sie als Einzelkandidatin an, für den Kreistag geht sie als Spitzenkandidatin für die Linke ins Rennen. Doch sie sagte sich auch, dass ihre Meinung als Ortsbürgermeisterin zum Beispiel im Zweckverband der Kita Berglicht mehr Gewicht haben werde als die der Vorsitzenden des Elternausschusses. Wery-Sims wünscht sich, dass in der nächsten Wahlperiode auch zwei Frauen mit in den Breiter Gemeinderat einziehen. Die vierfache Mutter ist überzeugt, dass es für Frauen wichtig sei, keine Einzelkämpferinnen zu sein, sondern Netzwerke zu haben. Als sie hörte, dass Wery-Sims für das Amt als Ortsbürgermeister kandidiert, habe eine Nachbarin spontan gesagt: „Wenn Du das machst, gehe ich in den Gemeinderat.“

Dass es keinen Ortsbürgermeister-Kandidaten für die nächste Wahlperiode in Zeltingen-Rachtig geben sollte, war für die 48-jährige Bianca Waters eine „Mit-Antriebsfeder“ gewesen zu kandidieren. „Ich habe mir gesagt, bevor es keiner macht, machst du es.“ Aber das sollte nicht das Ziel sein, dass Frauen dann antreten, wenn es keinen männlichen Kandidaten gibt. Bis vor kurzem, so sagt die 48-Jährige, hätte das Amt gar nicht in ihren Alltag gepasst. Familie, Hunde, Trainertätigkleit und eigene sportliche Aktivitäten „haben die Tage von allein ausgefüllt“.

Die Geschäftsführerin der Entwicklungsagentur Bernkastel-Kues sei auch selbst nicht auf die Idee gekommen anzutreten. Aber als sie gefragt wurde, sagte sie nach reiflicher Überlegung: „Ja, das traue ich mir zu.“ Für Männer sei es eher selbstverständlich, politisch aufzutreten, Frauen müssten dazu erst ermuntert werden. Aus ihrer Sicht gibt es schon Unterschiede, wie Männer und Frauen an Themen herangehen. „Zeltingen-Rachtig war bislang immer nur männlich geführt“, an eine weibliche Führung müsse sich der eine oder andere erst einmal gewöhnen. Aber das würde Waters nicht nur am Geschlecht festmachen wollen. Auch das Alter sei entscheidend. Die Motivation weiblicher Kandidaten  „muss letztlich von einem selber kommen“. Das Umfeld könne lediglich etwas nachhelfen, in dem es Frauen einfach darin bestärkt, auch in der männergewichtigen Kommunalpolitik aktiv zu werden“.

Warum so wenige Frauen kandidieren? Da muss Petra-Claudia Hogh, parteilose Ortsbürgermeisterin von Malborn, nicht lange nachdenken: „Das liegt an der Doppelbelastung der Frauen.“ Frauen müssten ohnehin mehr als Männer Beruf und Familie unter einen Hut bekommen. Ein aufwendiges Ehrenamt sei beispielweise mit zwei kleinen Kindern  kaum zu schaffen: „Ich wüsste jedenfalls nicht, wie das gehen soll.“ Ohnehin seien viele ihrer Amtskollegen bereits in Rente oder Frührente. Oder es müsse freie Zeiteinteilung möglich sein, etwa bei Selbstständigen, wie sie es als Garten- und Landschaftsplanerin ist. Doch auch dann sei der Zeitplan stramm. In Malborn gebe es beispielsweise  zwölf bis 15 Ratssitzungen im Jahr. Und da seien Auschusssitzungen noch gar nicht dabei. Was machbar sei, hängt aus der Sicht der 52-Jährigen auch stark von der Größe des Ortes ab. Ein Ort mit beispielweise 100 Einwohnern sei leichter zu managen als Malborn, das mit dem Ortsteil Thiergarten auf rund 1450 Einwohner kommt. Und natürlich auch von der Zahl der Projekte, die im Dorf gerade laufen. In Malborn inklusive Thiergarten stehen beispielsweise der Malborner Dorfplatz sowie die Friedhöfe in beiden Ortsteilen auf der Agenda. Allein in die Friedhöfe habe sie  ihrer Schätzung nach 800 Stunden investiert. Und warum tritt sie trotz der hohen Belastung wieder an? Sie wolle die Dinge, die sie angefangen hat, auch zu Ende bringen. Ihr Gegenkandidat ist der 54-jährige Polizeibeamte Johannes Kopp (Liste CDU).

In Malborn habe sie schließlich auch eine Menge Personalverantwortung. Mit Kindergarten, Schule und Gemeindearbeitern kommt Malborn auf 21 Beschäftigte. Und damit kommt Hogh zum nächsten Punkt, der Frauen möglicherweise abschrecke: die Verantwortung. Wichtig sei, dass Frauen einen Mentor haben. Und das müsse keine Frau sein. Sie selbst habe sich oft Rat bei einem männlichen Kollegen geholt.

Ob sich generell etwas ändern müsse, damit  mehr Frauen im Dorf Führungspositionen übernehmen, da ist sich Ilona Lauxen, seit 2009 Ortsbürgermeisterin in Hontheim, nicht sicher. Vielleicht müsse man das Amt  noch besser bewerben. Allerdings sagt die kinderlose Bauzeichnerin, die bei der Wahl im Mai erneut antritt, dass gerade in diesem Jahr im Zusammenhang mit dem Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht einiges passiert.

 Frauen in Deutschland können seit 100 Jahren wählen und gewählt werden. Im Kreis Bernkastel-Wittlich stellen sich noch immer relativ wenige Kandidaten für das Amt als Ortsbürgermeister zur Wahl.
Frauen in Deutschland können seit 100 Jahren wählen und gewählt werden. Im Kreis Bernkastel-Wittlich stellen sich noch immer relativ wenige Kandidaten für das Amt als Ortsbürgermeister zur Wahl. Foto: picture alliance/dpa/Arne Dedert
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Logo_Kommunalwahl_2019 Foto: TV/Lambrecht, Jana
 Frauen in Deutschland können seit 100 Jahren wählen und gewählt werden. Doch im Kreis stellen sich nur wenige zur Wahl.
Frauen in Deutschland können seit 100 Jahren wählen und gewählt werden. Doch im Kreis stellen sich nur wenige zur Wahl. Foto: picture alliance / dpa/Patrick Pleul

Manch eine traue sich das nicht zu. Vielleicht seien Männer einfach selbstbewusster. Sicher ist sich die 47-Jährige allerdings, dass Frauen „Politik genauso gut machen können wie Männer“. Das könne man nicht am Geschlecht festmachen.