Nur eine Behindertentoilette im neuen Eventum

Nur eine Behindertentoilette im neuen Eventum

Wie viele behindertengerechte Toiletten und Aufzüge sind in öffentlichen Gebäuden nötig? Nicht so viele wie es der zuständige Beirat gerne hätte. Er soll aber in Zukunft besser in Planungen einbezogen werden.

Wittlich. Am Hauptbahnhof in Wittlich-Wengerohr gibt es keine Behindertentoilette. In der Vinothek in Bernkastel-Kues müssen Rollstuhlfahrer und Menschen mit Gehbehinderungen den Lastenaufzug nutzen, um in den weitläufigen Weinkeller zu gelangen. Am Salmtaler Bahnhof ist die Rampe zur Brückenüberführung für Rollstuhlnutzer zu steil. Und im Eventum, in der nagelneuen Mehrzweckhalle mit einem Fassungsvermögen von bis zu 3400 Menschen gibt es, wie der TV am 23. April bereits kurz berichtete, nur eine Behindertentoilette mit integrierter Dusche und nur einen Aufzug, in den keine zwei Rollstühle passen.
Artur Greis, SPD-Kreistagsmitglied und Vorsitzender des 2005 gegründeten Beirats für Menschen mit Behinderungen im Kreis Bernkastel-Kues, kritisiert vor allem die Zustände in Wittlichs neuem Vorzeigeobjekt. "Eine Halle, die wunderschön ist und der es trotzdem nur so an behindertengerechten und barrierefreien Maßnahmen mangelt", sagt er im Kreistag.
Greis kritisiert, er will aber vor allem aufrütteln. Deshalb sind Wortwahl und Tonfall auch moderat. "Dies Projekt macht wiederum klar, dass hier im Vorfeld, das heißt bei der Planung von öffentlichen Arbeiten, schon ein Fachgremium für eine behindertengerechte und barrierefreie Baumaßnahme eingebunden sein muss", lautet seine Forderung. In Wittlich hätten Vertreter des 15-köpfigen Beirats erst nach Fertigstellung der Halle die Möglichkeit gehabt zu prüfen, ob sie auch den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen gerecht werde. Und weiter: "Bei einer Bausumme von 8,6 Millionen Euro darf die Barrierefreiheit kein finanzielles Hindernis sein und auch nicht eingeschränkt werden."
Der TV fragt nach: "Die entsprechende DIN-Norm über Barrierefreiheit sagt aus, dass es für solche Hallen mindestens eine behindertengerechte Toilette geben muss", sagt Hermann Brück, Leiter der Bauabteilung bei der Kreisverwaltung. Dies entspreche auch der Landesbauverordnung. Die Betroffenen selbst sind sich nicht sicher, welche Vorgaben gelten. Der auf den Rollstuhl angewiesene Frank Schäfer, stellvertretender Vorsitzender des Beirats, hat den Behindertenbeauftragten des Landes eingeschaltet. Schäfer hat die Halle getestet und unter anderem auch noch festgestellt, dass Kleiderhaken und Spiegel für Behinderte zu hoch hängen. Im Kreis Bernkastel-Wittlich (circa 113 000 Einwohner) haben, so das Statistische Landesamt Bad Ems, fast 10 000 Menschen einen Schwerbehindertenausweis.
Der TV vergleicht: In der viel größeren Arena in Trier gibt es nach Auskunft von Techniker Ralf Marx drei Behindertentoiletten und wie in Wittlich nur einen Aufzug. Bei Sportveranstaltungen gebe es auf dem Oberrang 30 ausgewiesene Plätze für Behinderte. Für je zehn Rollstuhlfahrer sei eine spezielle Toilette erforderlich. Es gibt außerdem 50 Toiletten für Damen, 25 für Herren sowie 40 Urinale. Das maximale Fassungsvermögen der Halle (ohne Sitzplätze) liegt bei etwa 7500. Ins Eventum passen maximal 3400 Menschen. Es gibt je 20 Toiletten für Frauen und Männer. Die Stadthalle Bitburg verfügt über zwei behindertengerechte Toiletten.
Die Sichtweise der Stadt Wittlich: Bereits bei der Planung seien alle rechtlichen Erfordernisse beachtet worden, sagt Pressesprecher Jan Mußweiler. Die Halle sei barrierefrei zugänglich, der Aufzug behindertengerecht. Die Stadt werde versuchen, Mängel zu beheben: So werden auf Anregung des Beirats vier Behindertenparkplätze an exponierter Stelle vor der Halle ausgewiesen. "Wir stehen im Dialog mit dem Beirat und versuchen, dessen Sachverstand und die Anregungen mit aufzunehmen, um weitere Verbesserungen zu erzielen", erläutert Mußweiler.
Der Ausblick: Landrat Gregor Eibes bietet an, dass Baupläne, in die der Kreis involviert ist, zwischen Beirat und Bauverwaltung besprochen werden. In einem Schreiben werde er auch die Bürgermeister sensibilisieren.Meinung

Früher Kontakt vermeidet Ärger
Vor 20 Jahren hat kaum jemand über Behindertentoiletten und barrierefreie Zugänge nachgedacht. Und es sind auch erst siebeneinhalb Jahre her, dass sich im Kreis Bernkastel-Wittlich ein Beirat für Menschen mit Behinderungen gegründet hat. Doch manchmal rast die Zeit regelrecht. Der Begriff "Inklusion" macht aktuell überall die Runde. Alle Menschen sollen überall dabei sein, alle Menschen haben die gleichen Rechte, alle Menschen können selbst bestimmen, was sie wollen. Niemand wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Natürlich wird nicht alles möglich sein. Ein Beispiel: Bei der Sanierung der Burgruine Landshut in Bernkastel-Kues wird ein barrierefreier Zugang geschaffen, aber es wird sicherlich kein Aufzug zum Turm eingebaut. Bei vielen anderen Bauten (Verwaltungen, Hallen, Theatern, Kinos etc.) wird daran kein Weg vorbeigehen, weil sie zum Alltag gehören. Der Mensch mit Behinderung muss genauso ins Kino gelangen können wie der Nichtbehinderte. Es wird auch immer wieder Diskrepanzen zwischen Wünschen und Machbarem geben. Aber wenn, und das ist ja das Bestreben des Beirats, bei Bauprojekten früh genug miteinander geredet wird, wird mancher Ärger erst gar nicht aufkommen. c.beckmann@volksfreund.deExtra

Artur Greis hat im Kreistag auch positive Beispiele in der Zusammenarbeit zwischen dem Beirat für Menschen mit Behinderungen und Kommunen aufgelistet. Zum Beispiel den Gesundheits- und Mehrgenerationenpark St. Paul in Wittlich, den geplanten Umbau des Verwaltungsgebäudes der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues, das neue Bürgerhaus in Hetzerath sowie den Ausbau des Gestades in Bernkastel-Kues. Wie das Zusammenspiel laufen kann, erläuterte der Bernkastel-Kueser Stadtbürgermeister Wolfgang Port, der auch dem Kreistag angehört. "Wenn wir bei Projekten unsicher sind, nehmen wir Kontakt zum Beirat auf und treffen uns dann." Es funktioniert also auch auf dem kleinen Dienstweg. cb