Garten: Obst und Gemüse wie zu Omas Zeiten

Garten : Obst und Gemüse wie zu Omas Zeiten

Alte Sorten werden wiederentdeckt: Viele Gartenliebhaber schätzen die Vielfalt, Robustheit und Aromen der historischen Kulturpflanzen. Die Rückbesinnung ermöglicht es auch, auf industrielles Saatgut zu verzichten.

  Wenn Nelchesbirnen sprechen könnten, würden sie wohl von ihrem Erwachen aus dem Dornröschenschlaf erzählen. Der regionaltypische Obstbaum der Eifel mit den kleinen, festen Früchten war fast vollends in Vergessenheit geraten, bis er in den 1990er Jahren als Zutatenlieferant für edelste Schnäpse wiederentdeckt wurde. Ob diese Geschichte ein Vorbild sein kann?

Für Annette Fehrholz, Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Bengel, haben alte Sorten nichts mit Nostalgie zu tun, sondern ebenfalls mit dem handfesten Interesse daran, gute Erträge zu sichern. „Wichtig dafür ist – gerade in Zeiten des Klimawandels – eine möglichst hohe Bandbreite an so genannten samenechten Sorten, die nicht neu auf den Bedarf der industriellen Landwirtschaft hin gezüchtet wurden und die nicht im Labor vermehrt werden, sondern die Gartenbesitzer selbst vermehren können. Diese Pflanzen können sich an die Veränderungen vor Ort anpassen.“

Die Expertin setzt sich dafür ein, mehr Biodiversität zu fördern und nicht auf moderne Monokulturen zu vertrauen. In Vorträgen etwa für das Bistum Trier und Weltläden erläutert sie den Zusammenhang der Bewahrung alter Sorten mit einer solidarischen Wirtschaftsweise und Ressourcenschutz – ein komplexes Thema, das jedoch ganz lebensnah, praktisch und niedrigschwellig in jedem Garten, sogar auf jedem Balkon verwirklicht werden kann: „Man muss kein ‚Aussteiger‘ sein, um Spaß an selbst gezogenem und erzeugtem Obst oder Gemüse zu haben!“

Annette Fehrholz betont, dass bei alten Sorten dasselbe gilt wie bei neueren Züchtungen: „Die Pflanzen brauchen Pflege! Ohne den Menschen verwandeln sie sich über wenige Generationen zurück in ihre wilden Formen. Und dann sind sie nicht mehr nutzbar.“

Wer als Hobbygärtner Orientierung und Austausch will, kann sich mit der so genannten Saatgutbibliothek des Bengeler Vereins vernetzen. Dort gibt es regional produziertes Saatgut „für den Anbau und zum Aufessen“, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Eng arbeitet der Verein auch mit dem Vielfalts-Sortengarten auf dem Demeterhof Breit bei Wittlich zusammen, wo über neunzig traditionelle und teils aus der hiesigen Region stammende Nutzpflanzen gedeihen, von der Zuckererbse Simon über Hunsrücker Stangenbohnen bis zu weißen Beten oder violetten Kartoffeln.

Ein Überzeugungstäter für ökologischen Gartenbau, der die Vielfalt historischer Sorten zeigt, ist auch Hans-Jürgen Kesten im Eifeldorf Lammersdorf bei Hillesheim. Der aus dem Ruhrgebiet stammende Agraringenieur öffnet seinen in geschlossener Kreislaufwirtschaft funktionierenden Garten nach Vereinbarung für Interessierte. Was – neben einer entspannten Atmosphäre und sorgfältig aufbereiteten Infos – den Besuchern auffällt: „Ein unkrautfreier Nutzgarten macht nachdenklich!“ heißt es auf einem Schild am Eingangstor.

An alten Sorten fasziniert ihn vor allem auch die Qualität: „Sie wurden unattraktiv und von den Saatgutfirmen aus dem Programm genommen. Geschmack und Aromastoffe waren über Jahrzehnte gar kein Züchtungsziel“, erläutert Kesten. „Es wurde nur Wert auf hohe Erträge, Aussehen, Transportfähigkeit und gute Haltbarkeit im Regal gelegt.“

Nun jedoch und vor dem Hintergrund eines wachsenden Umweltbewusstseins liegen, so seine Erfahrung, historische Schätze wieder im Trend. „Zum Beispiel galt Dinkel als altes und ursprüngliches Getreide als Rarität. Inzwischen bekommt man in fast jeder Bäckerei auch Backwaren aus Dinkel.“ In seinem Garten gedeihen Pflanzen, deren Namen jahrzehntelang in Vergessenheit geraten waren und nun wieder nachgefragt werden: Mangold, Pastinaken, Stielmus oder Teltower Rübchen, auch selten gewordene Kartoffeln wie Rosa Tannenzapfen, Bamberger Hörnchen oder Odenwälder Blaue sorgen für Vielfalt jenseits des üblichen Angebots.

Noch sind es einzelne passionierte Gartenliebhaber wie Annette Fehrholz und Hans-Jürgen Kesten, die sich die Erhaltung solcher Arten auf die Fahnen geschrieben haben.

Für die meisten Gartenfans ist nach wie vor der Griff zum Samentütchen aus dem Supermarkt- oder Baumarktregal Normalität.

Doch es zeichnet sich ein Wandel ab. Mittlerweile hat auch das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Rheinland-Pfalz den Wert alter Sorten erkannt. Im Projekt „Biodiversität – Förderung historischer Nutzpflanzen“ ist ein Meldeportal entstanden, auf dem man Standorte und Sorten verzeichnen kann. Noch ist Luft nach oben, denn für die gesamte Region Trier ist lediglich eine Nennung – Äpfel der Sorte Goldrenette von Blenheim in einem Ort im Kreis Trier-Saarburg – vorhanden. Zudem werden seit 2012 Symposien zum Thema veranstaltet und es ist ein „Wegweiser für Garten, Feld und Küche“ aufgelegt worden.

Wer also nicht gerade einen der berüchtigten „Gärten des Grauens“ aus Schotter und Stein will, sondern Lebendiges liebt, kann mit eigenem Anbau historischer Sorten auch dem genormten Einerlei am Frühstücks- und Mittagstisch ein Ende setzen.

Alte Apfelsorten. Foto: TV/Angelika Koch
Auch alte Obstsorten brauchen viel Pflege. Foto: TV/Angelika Koch

Das Müsli muss ja nicht immer nur mit Braeburn oder Gala fruchtiger werden.

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