Offenes Ohr für den Kummer der Schüler

Bernkastel-Kues · Ohne Handy und Computer geht nichts mehr. Gerade jungen Leuten ersetzen sie oft die direkte Kommunikation. Mögliche Folgen: Leistungsdruck und Alltagssorgen bleiben unausgesprochen. Die Realschule plus in Bernkastel-Kues bietet mit der Schulseelsorge eine Alternative an.

Bernkastel-Kues. "Alles, was uns glücklich und traurig macht, sollten wir mit jemandem teilen können", sagt Uschi Fusenig. "Miteinander reden, jemanden haben, der einem zuhört, das ist für viele Kinder heutzutage ein Problem", so die 58-jährige Religions- und Sportlehrerin weiter. Genau an diesem Punkt kommt sie mit einem neuen Angebot an der Freiherr-vom-Stein-Realschule plus in Bernkastel-Kues ins Spiel: "Mit der Seelsorge öffnen wir eine Tür, durch die jeder Schüler gehen kann, wenn er es möchte. Hier kann er in einem geschützten Raum alles loswerden, was ihm auf der Seele liegt."
Fusenig hat eine zusätzliche Ausbildung zur Schulseelsorgerin gemacht und bietet den Dienst ehrenamtlich an. Sie ist selbst Mutter dreier Kinder und weiß, wie schwer es für viele ist, sich jemandem anzuvertrauen. "Als Seelsorgerin unterliege ich der Schweigepflicht. Was mir die Kinder anvertrauen, bleibt unter uns."
Sie versteht dieses Angebot als Hilfestellung: "Bei Problemen kann ich Wege aufzeigen und unterstützend begleiten. Vor allem höre ich einfach zu." Ihr liegt das ganzheitliche Wohl der Schüler am Herzen. "Nur wenn Körper, Geist und Seele im Einklang sind, können die Kinder mit sich selbst ins Reine kommen", sagt sie.
Im neu gestalteten Seelsorge-Pavillon neben dem Schulgelände ist es gemütlich: Gelbe Wände, kleine Tische mit Sitzkissen, eine durchlässige Mauer, die durch Kerzen illuminiert wird, Poster mit positiven Sinnsprüchen und entspannende Musik gibt es hier. Fusenig: "Dieser Ort soll in angenehmer Umgebung Raum geben, sich mit seinen Sorgen und auch mit seinen Freuden an mich zu wenden."
In mehr als 30 Berufsjahren hat die Lehrerin die Veränderungen der Gesellschaft und der Schüler hautnah miterlebt. "Früher hatten wir 30 Kinder. Heute haben wir 30 Individualisten, die wir zur Gemeinschaft erziehen müssen", berichtet sie. Kommunikation sei dabei in Zeiten, wo alle nur auf das Handy starren, am Computer sitzen oder einen Knopf im Ohr haben, immens wichtig. In diesen Tagen erhalten die Eltern der mehr als 600 Schüler ein Schreiben, in dem das neue Angebot vorgestellt wird. Dazu gibt es einen Flyer. "Schulseelsorge - Raum für dich!", heißt es darauf. Er gibt einen Überblick mit Sprechzeiten. Die Lehrerin ist dabei auch außerhalb der gesetzten Zeiten für Eltern und Kinder zum Gespräch offen.Extra

Die Seelsorge sei ein zusätzliches Angebot zur Schulsozialarbeit, sagt Elternsprecher Ulrich Schneider. Hier könnten vor allem außerschulische Probleme thematisiert werden. Uschi Fusenig sei dafür die ideale Ansprechpartnerin. "Sie hat sehr viel Drive und bringt sich stark ein", sagt er. Im Idealfall könnten seelische Probleme aus der Welt geschafft werden, noch bevor sie sich zu einem Berg auftürmen. Mit dem Seelsorgeangebot übernehme die Realschule plus eine Vorreiterrolle. Auch Anke Schäfer, Vorsitzende des Fördervereins der Schule, glaubt an den Erfolg. "Es ist wichtig, dass jemand da ist, der zuhört und Trost spendet. Den Schülern wird Raum gegeben, sich zu öffnen", sagt sie. Das Angebot sei übrigens nicht auf die Schüler beschränkt. Auch die Lehrer könnten es nutzen. cb