Opfer, Täter und Außenseiter

BERNKASTEL-KUES. (mbl) Das Seminar "Gewaltprävention" – veranstaltet vom Bündnis für Menschlichkeit und Zivilcourage – war für jene gedacht, die im täglichen Leben mit Gewalt in Berührung kommen: Pädagogen, Sozialarbeiter, Ausbilder, die Polizei, Eltern und Jugendliche. Die Leitung hatten Theaterpädagogin Sylvia Martin und Sozialpädagogin, Bewährungshelferin und Anti-Gewalt-Trainerin Ute Theis.

Die Ursachen für Gewalteinsatz in allen Bereichen des Alltags sind vielfältig. "Was können wir tun, dass es anders wird?", fragte der Vorsitzende vom Bündnis für Menschlichkeit und Zivilcourage, Yaghoub Khoschlessan, zu Beginn des Seminars. Die Leiterinnen Ute Theis und Sylvia Martin sind bereits mit einem sozial- und theaterpädagogischen Pilotprojekt erfolgreich in Trierer Schulen gestartet (der TV berichtete). Nun stellten sie Teile aus diesem Projekt in Bernkastel-Kues vor. Toleranz üben, Verständnis füreinander finden, auch wenn der andere "anders" ist und unterschiedlich reagiert, seine eigene emotionale und soziale Kompetenz erfahren und einschätzen. Statistisch gesehen nimmt die Gewaltbereitschaft nicht zu, aber ihre "Qualität" ist härter geworden und die Hemmschwelle zuzuschlagen ist gesunken. Nach dem Aufstellen von Gruppenregeln ging es mit dem Erarbeiten des Begriffs "Gewalt" los. In Rollenspielen erlebten die Teilnehmer hautnah, was es heißt, Täter oder Opfer zu sein. Übungen und Fragerunden wechselten sich ab, es herrschte eine lockere Atmosphäre, in der offen zur Sprache kam, was zum Thema interessierte. Auslöser für das Projekt zur Gewaltprävention war das Theaterstück "Kälte" von Lars Norén, in dem drei Rechtsextremisten einen Klassenkameraden nach der Abiturfeier treffen, belästigen, quälen und schließlich ermorden. "Unser Ziel ist es, das Handlungsrepertoire von Jugendlichen zu erweitern", betonen die beiden Frauen. Und das geschehe "erfahrbar" in Gruppenarbeit. Diese Rollenspiele haben viel mit Körperarbeit zu tun, betont Martin. Und in der "Körperarbeit" könne der Jugendliche Bezug zu sich finden und seine Selbstwahrnehmung trainieren. "Lasst mich doch rein in eure Gruppe", bittet ein Außenstehender. Zunächst mit Worten, dann mit Gewalt, versucht er sich hineinzudrängen. Konfliktlösungsstrategien werden gemeinsam herausgearbeitet, Kompromisslösungen als positiv akzeptiert. "Denn es gibt nicht nur Schwarz-Weiß, sondern dazwischen liegen jede Menge unterschiedlicher Farben", so Theis. Dabei kam ein ganz wichtiger Aspekt zum Vorschein: Man muss lernen, dass es Konflikte gibt, für die es zunächst keine schnelle Lösung gibt. Trotzdem können die Parteien friedlich auseinander gehen. "Ich hätte nie gedacht, wie unwohl man sich als Außenseiter fühlen kann, oder wie eklig die Rolle als Täter ist", bemerkte eine Teilnehmerin nachdenklich. "Für mich persönlich war das Seminar eine wahnsinnige Bereicherung meines Denkens und Verhaltens", sagte Khoschlessan. "Und für uns war es sehr spannend zu erleben, wie Gruppen, die sich vorher nicht kannten, interessante Lösungsansätze zur De-Eskalation fanden", unterstrichen die beiden Expertinnen.

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