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Parolen und Spuckattacke: Gericht verurteilt Wittlicher zu Geldstrafe

Parolen und Spuckattacke: Gericht verurteilt Wittlicher zu Geldstrafe

Weil er sich in einen Vollrausch versetzt und in diesem Zustand Straftaten begangen hatte, wurde gestern ein 22-Jähriger vom Amtsgericht Wittlich zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt. Die Befürchtung, dass es sich bei ihm um einen Neonazi handeln könnte, bestätigte sich aber nicht.

Wittlich. Wenn der korrekt und sauber gekleidete 22-jährige S. nüchtern ist, käme niemand bei seinem Anblick auf den Gedanken, dass der schlanke junge Mann auch anders kann. Kann er aber, sobald er die entsprechende Dosis Alkohol intus hat. Am Abend des 15. November 2014 war es nach etlichen Schnäpsen und Bieren wieder soweit — weit über das Maß des Erträglichen hinaus.
Nun sitzt S. zusammen mit seinem Verteidiger Jörg Ehlen vor dem Strafrichter des Amtsgerichts Wittlich und hört, was in der Anklageschrift von Staatsanwalt Arnold Schomer über die Geschehnisse jener Nacht vermerkt ist: Erster Schauplatz war eine Discothek an der Röntgenstraße, wo S. gegen 23 Uhr von den Türstehern an die Luft gesetzt wurde, weil er wohl zu stark alkoholisiert war. Zu dem Zeitpunkt muss er schon so alkoholisiert gewesen sein, dass sein weiter Aufenthalt im Lokal nicht mehr tragbar war.
Vor der Disco gab es ein Zusammentreffen mit der ehemaligen Freundin seines Freundes E., die von ihrer ausländisch wirkenden Freundin begleitet wurde. Auf die ging dann S. verbal los - mit lautstarken "Erläuterungen" über das Verhältnis der Wittlicher Damenwelt zu Ausländern. Die Situation drohte zu eskalieren, doch S. konnte von seinem hinzugekommenen Freund E. abgedrängt werden.
"Aussprache" auf dem Parkplatz


Einige Zeit später befuhr die zuvor beschimpfte Bekannte mit ihrem Auto den Burgstraßenkreisel in Wittlich, wo sie von S. gestoppt wurde. "Der ist mir fast vor den Wagen gesprungen. Deshalb habe ich gehalten. Er wolle mit mir reden, sagte er." Die "Aussprache" fand auf dem Parkplatz hinter der Volksbank statt - wo die Frau durchs offene Fahrerfenster übel beschimpft und angespuckt wurde. Letzter Schauplatz war der Automatenraum der Bank, wo S. einen Bildschirm zertrümmerte und sich die Hand verletzte.
"Ich kann mich an fast nichts erinnern. Ich weiß nur noch, dass mir gegenüber im Club 54 die Hand verbunden wurde", erklärt der Angeklagte. "An dem Abend habe ich S. nicht mehr wieder erkannt", gibt später sein polnischer Freund zu Protokoll. Vor Gericht gibt er sich zurückhaltender. Aber die Tatsache, dass der Freund des Angeklagten Pole ist, lässt die Neonazivermutung bröckeln. Überhaupt zeichnen alle Zeugen ein recht positives Bild von S. — vorausgesetzt, er ist nüchtern.
100 Tagessätze zu 25 Euro



Auch ohne Sachverständigengutachten sind sich Ankläger, Verteidiger und Richter am Ende in einem Punkt einig: Nach den Zeugenaussagen war S. so betrunken, dass er sich im Zustand der Schuldunfähigkeit befand. Er kann daher für die Taten selbst nicht verurteilt werden, aber für den Vollrausch, in den er sich zuvor versetzt hat (siehe Extra).
Das Urteil von Richter Weber: 100 Tagessätze zu 25 Euro, zahlbar in Monatsraten. Das ist weniger, als der Staatsanwalt beantragt hatte und liegt über dem Antrag der Verteidigung.
Extra

Vollrausch im Gesetz: Vollrausch ist nach Paragraf 323a Strafgesetzbuch eine Straftat. Danach macht sich strafbar, wer sich in einen Rausch versetzt und in diesem Zustand eine Tat begeht, für die er nicht bestraft werden kann, weil er durch den Rausch schuldunfähig ist. Das Strafmaß reicht von Geldstrafe bis zu Freiheitsstrafe von fünf Jahren. f.k.