„Pass auf, sonst sind unsere Knochen kaputt“

„Pass auf, sonst sind unsere Knochen kaputt“

Hat eine 51-jährige Frau einen Ladendetektiv vorsätzlich angefahren und dabei verletzt, um mit einer gestohlenen Terrakottafigur für 1,99 Euro zu flüchten? Das Schöffengericht beim Amtsgericht Bernkastel-Kues verhandelt derzeit diesen ungewöhnlichen Fall. Aussage steht gegen Aussage. Klärung soll nun eine weitere Zeugin bringen. Der Prozess wird Anfang Juli fortgesetzt.

Eine filmreife Szene hat sich im Oktober vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Verbrauchermarktes in Kues abgespielt. Ein 59 Jahre alter Mann stiehlt aus dem Markt eine Terrakottafigur im Wert von 1,99 Euro, der Ladendetektiv erwischt ihn, will ihn festhalten, der Mann haut ab, steigt in ein Fahrzeug und ruft seiner Lebensgefährtin, die am Steuer sitzt zu: "Fahr los, fahr los!"

Der Ladendetektiv sprüht mit Reizgas gegen die Fensterscheibe, trifft die Fahrerin aber nicht und stellt sich nach eigener Aussage vor das Auto. Die Frau lässt nach heftigem Drängen ihres Lebensgefährten die Kupplung kommen, das Auto ruckt nach vorne und, so der 49-jährige Sicherheitsmann, verletzt ihn am Knie. Ärzte stellen am Knie einen Haarriss und Prellungen fest.

Der Ladendetektiv sagt, er könne seitdem seinen Beruf nicht mehr ausüben, weil er nicht mehr schnell genug laufen könne. Er werde nun von seiner Firma anderweitig eingesetzt und verdiene weniger.
Viereinhalb Stunden lang befragt das Schöffengericht mehrere Zeugen. Der Detektiv sagt: "Die Frau hat mich umgefahren" - ein Mitarbeiter des Marktes und Zeuge des Vorfalls bestätigt das. Auf dem Parkplatz habe er noch gerufen: "Pass auf, wenn der die Kupplung abrutscht, sind unsere Knochen kaputt."

Zwei Versionen einer Geschichte

Ganz anders die Versionen der Angeklagten, des Diebes und zwei weiterer Zeugen, die im Auto saßen. "Die hat ihn gar nicht berührt", sagen sowohl der Lebensgefährte, der gemeinsame 15 Jahre alte Sohn sowie die Schwägerin der Angeklagten.

Die 51-Jährige ist sich sicher: "Ich habe ihn nicht angefahren. Der hat doch auf der Seite gestanden. Ich bin ganz langsam nach vorne gefahren." In dem Fahrzeug saß noch die Tochter der Schwägerin.
Die Verteidigung beantragt am Ende der Beweisaufnahme, auch sie zu befragen, um, so Rechtsanwalt Albert Moßmann, den "angeblichen Unfall" aufzuklären.

Richter Oliver Emmer lässt von allen Beteiligten nacheinander die Fluchtszene mit Spielzeugautos und kleinen Figuren nachstellen. Doch der Erkenntnisgewinn ist nur gering. Die 51-Jährige, Mutter von sieben Kindern und Sozialhilfeempfängerin, hatte mit ihrem Lebensgefährten bereits vor eineinhalb Jahren im gleichen Markt einen Diebstahl begangen. Der 59-Jährige sitzt derzeit wegen anderer Delikte in der Justizvollzugsanstalt Wittlich ein. Diesmal habe er ganz spontan und "mit einem besoffenen Kopf" in dem Markt zugegriffen, die Angeklagte habe nichts davon gewusst. Der Rechtsanwalt will von dem Ladendetektiv wissen, warum dieser sich für 1,99 Euro in eine solche Gefahr begeben habe. Die Polizei sei doch informiert worden und das Nummernschild habe er auch notiert.

Der 49-Jährige antwortet: "Meine Berufsehre sagt mir, dass ich einen Dieb stellen muss. Egal, ob es sich um 1,99 Euro oder 500 Euro handelt, ich will jeden schnappen." Die "Fangquote" liege bei zwei bis drei Dieben pro Woche.
Es seien schon Leute mit einem Messer oder einer abgebrochen Flasche auf ihn losgegangen. Der Prozess wird am Freitag, 5. Juli, mit der Befragung der Zeugin fortgesetzt. An dem Tag wird voraussichtlich auch das Urteil gesprochen. Im Falle eines Schuldspruchs droht der Angeklagten eine Freiheitsstrafe von bis zu vier Jahren.