Patienten trainieren wie die Astronauten
Wittlich · In einer Wittlicher Physiopraxis werden Patienten mit einem speziellen Trainingsgerät therapiert. Auf ähnliche Weise bereiten sich Astronauten auf ihren Flug ins All vor. Auch Hollywood hatte den Spacecurl schon vor der Linse.
Wittlich. Kreisrund und in alle Richtungen beweglich ist das Gerät, in dem Jutta Mertes steht. Über ihre Füße kann sie es steuern - und dann schwebt sie plötzlich schräg in der Luft. Mit diesem besonderen Training will die Frau ihre Unsicherheit beim Gehen verlieren. Es gab mal eine Zeit, da saß sie im Rollstuhl.
Ihre Leidensgeschichte beginnt mit einer Blinddarm-Operation. Eigentlich harmlos. Nicht aber die Lungenembolie, die sie danach bekommt. Sie fällt ins Koma. Als sie nach fünf Wochen wieder aufwacht, muss sie alles neu erlernen: das Sprechen, das Lesen, das Laufen. Damals ist sie 19 Jahre alt. Etliche Reha-Aufenthalte bringt sie hinter sich, findet einen Weg zurück in den Alltag. "Ich habe für mein neues Leben hart gekämpft", erzählt sie. Doch auch nach Jahren ist eines noch da: der unsichere Gang, die Angst, wenn sie allein zu Fuß unterwegs ist.
Seit einem Jahr geht die heute 41-Jährige nun regelmäßig in die Wittlicher Physiopraxis Gefeller, um dort mit dem Spacecurl zu trainieren - ein Gerät, das die Chefs selbst entwickelt haben und in die ganze Welt verkaufen. "Mit einem ähnlichen Apparat, der allerdings mit einem Sitz versehen ist, bereiten sich Astronauten auf ihren Flug ins Weltall vor", erzählt Uwe Gefeller. Den habe er in den USA mal gesehen, dann ein ähnliches Gerät in Schweden gekauft und in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg eine Checkliste erstellt, um herauszufinden, was es braucht, damit es gezielt zur Therapie eingesetzt werden kann. "Und dann haben wir uns jemanden gesucht, der uns das baut." Das Medizinprodukt gibt es seit 1998 auf dem Markt. Uwe Gefeller und sein Sohn Guido Gefeller vertreiben es von Wittlich aus - sogar bis nach Australien und Japan. 100 Spacecurls stehen mittlerweile in deutschen Physiopraxen, im Ausland sind es etwa 40. In der Region gibt es noch eine Dauner Praxis, die damit arbeite, sagen die Gefellers. Die Kosten für das besondere Trainingsprodukt: bis zu 18 000 Euro. Und es ist gefragt - auch beim Film: Schauspieler Geoffrey Rush steigt in "Das höchste Gebot" in den Spacecurl - und damit er das konnte, ist Guido Gefeller extra mit einem Gerät nach Italien ans Filmset gereist.
Im Vordergrund aber steht die Therapie. Anfangs war der Spacecurl vor allem für Patienten mit Rückenproblemen gedacht. "Wir sind stolz darauf, dass er auch bei neurologischen Problemen hilft", sagt Uwe Gefeller. Auch Querschnittsgelähmte können damit trainieren.
Uwe Gefeller ist selbst mal jeden Tag in den Spacecurl gestiegen: "Der erste, der sich daran gesund gemacht hat, war ich. Nach meinem Schlaganfall." In der Wittlicher Praxis nutzen das Gerät derzeit etwa zehn Patienten. Schlecht könne es einem darin nicht werden. "Man macht ja alles selbst." Ein Kopfstand geht darin auch. "Das macht der Patient aber normalerweise nicht, höchstens zur Belohnung", sagt Uwe Gefeller. Und Spaß mache das Training tatsächlich, bestätigt Jutta Mertes. "Nur am Anfang hatte ich Angst. Die Bewegungen, die ich heute mache, gingen da noch nicht." Das Training hilft ihr: Sie sei heute sicherer zu Fuß unterwegs.Extra
Ihr seid gern draußen, spielt oder macht Sport - dabei kann es sein, dass ihr euch verletzt. Vielleicht brecht ihr euch ein Bein, und das muss dann sechs Wochen in einen Gips. Wenn das wieder verheilt ist, müssen später die Muskeln aufgebaut werden. Sie sollen ja wieder genauso funktionieren wie vorher. Dabei hilft ein Physiotherapeut. Der kennt jeden Muskel in eurem Körper und weiß, welches Training euch hilft. Er macht mit euch dann ganz bestimmte Übungen, damit alles wieder schön beweglich wird. Oft setzt er dafür auch spezielle Geräte ein. Wenn ihr ein paar Mal mit dem Therapeuten gearbeitet habt, seid ihr wieder fit und könnt wieder spielen gehen. eib