Positiv ja, euphorisch nein

WITTLICH. Im November gab es in Wittlich ganze 545 offene Stellen. Im Vergleich zum November 2005 (200) ein Plus von 345 Jobs. Nirgends sonst in der Region Trier war der Stellenzuwachs im November größer. Außerdem ist die Arbeitslosenquote im November von 5,2 (2005) auf 4,2 (2006) Prozent gesunken. Es läuft also bestens in der Säubrennerstadt, aber dennoch will man noch nicht von heiler Welt sprechen.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Egal, ob man nun nach dem Alter schaut, nach dem Geschlecht oder nach irgendeinem anderen Kriterium: Die Arbeitslosenzahlen in den Statistiken der Arbeitsagentur Wittlich befanden sich 2006 tendenziell im Sinkflug. Ein Beispiel: Im Januar 2005 gab es insgesamt 2377 Arbeitslose, im Januar 2006 1973. Das sind 404 weniger. Im Februar waren es sogar 413 weniger und im November betrug der Rückgang immerhin noch 318. Dieser positive Trend hat sich durchs ganze Jahr 2006 gezogen. Auf der anderen Seite ist die Zahl der offenen Stellen 2006 stetig gestiegen: Gab es im Januar 2005 143 Jobs zu vergeben, waren es im Januar 2006 schon 209. Eine Steigerung um 66 Stellen. Im September betrug die Steigerung 105, fand im November mit einem Anstieg um 345 ihren vorläufigen Höhepunkt und lag damit sogar deutlich vor Trier (plus 307 Stellen). "Im Wittlicher Arbeitsmarkt steckt viel Bewegung", sagt Achim Wagner, Geschäftsstellenleiter der Arbeitsagentur Wittlich. "Die Arbeitslosen bei uns sind in der Regel sehr kurz ohne Beschäftigung." Will heißen, wer arbeitslos wird, findet - zumindest statistisch gesehen - schnell wieder einen Job. Woran liegt's? "Die Wirtschaftsstruktur ist geprägt von einer hohen Arbeitsplatzdichte und einem hohen Anteil industrieller Arbeitsplätze und sehr vielen mittelständischen Betrieben", sagt Wagner. Mehr befristete und Zeitarbeitsverträge

Aber die Sache mit der steigenden Zahl offener Stellen hat auch eine Kehrseite: "An die Seite unbefristeter Arbeitsverhältnisse treten mehr und mehr befristete und Zeitarbeitsverträge." Im Klartext: Die neuen Jobs sind nicht unbedingt von Dauer und alles andere als sicher. Und so will Achim Wagner trotz aller positiven Statistiken auch noch nicht von einer heilen Welt sprechen. "Arbeitslosigkeit ist ein individuelles Schicksal. Wenn ich 51 bin, aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurde, mir ein Schulabschluss fehlt oder ich schlechte Noten habe, ist es grundsätzlich schwerer, wieder eine Arbeit zu finden. Wenn ich da von einer guten Entwicklung spreche, ist das ein Schlag ins Gesicht von solchen Menschen." Als Konsequenz versucht man bei den Arbeitsagenturen seit November verstärkt, gerade schwierige Fälle besser vermitteln zu können. Joachim Wagner: "Es wird nicht mehr nur auf den ausgeübten oder erlernten Beruf geschaut sondern auf die Stärken des Arbeitslosen. Wir hatten mal jemanden, der hat 20 Jahre als Ungelernter gearbeitet. Mal im Metallbau, mal im Straßenbau oder mal als Tierpfleger. Da hat man natürlich viel mehr Ansatzpunkte bei der Vermittlung." Ähnlich positiv wie bei den Kurzzeitarbeitslosen (unter einem Jahr) fällt die Bilanz bei den Langzeitarbeitslosen, den so genannten Hartz-IV-Empfängern aus, für die in den meisten Fällen die Arbeitsgemeinschaft Bernkastel-Wittlich (Arge) zuständig ist. Deren Geschäftsführer ist Hans-Georg Simon: "Anfang 2006 sind wir im gesamten Kreis mit einer sehr hohen Zahl an Langzeitarbeitslosen aus dem Winter gestartet. Etwa ab Mai sind die Zahlen kreisweit allmählich gesunken. Doch in Wittlich sind die Zahlen von Anfang an gesunken. So gab es im Januar 2005 339 Langzeitarbeitslose, im Januar 2006 310. "Es muss noch einiges passieren"

Zuletzt wurden im November 254 Langzeitarbeitslose von der Arge betreut. Zwölf weniger als noch im November 2005. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Viele der Arbeitslosen, die im Laufe des Jahres aus der Statistik verschwunden sind, befinden sich in Fortbildungsmaßnahmen oder so genannten Ein-Euro-Jobs. Sie sind damit alles andere als arbeitslos. Entsprechend fällt auch die Bilanz des Arge-Chefs Hans-Georg Simon aus: "Wir haben im Kreis Bernkastel-Wittlich einen relativ hohen Sockel an Langzeitarbeitslosen. Bevor der deutlich zurückgeht, muss noch einiges passieren."

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