Projektwoche: Schüler besuchen Seniorenheim

Gesundheit : In Sekundenschnelle zum Greis werden

Beim Projekt „Zeit schenken“ besuchen Schüler der Erbeskopf-Realschule plus das Seniorenheim Charlottenhöhe in Thalfang.

Ich liege im Bett, sehe kaum etwas, spüre einen Druck auf der Brust und schaffe es noch nicht einmal, mich auf die Seite zu rollen, geschweige denn leichtfüßig aufzustehen. Am liebsten würde ich einfach liegenbleiben. Der Weg ins Bett war schon beschwerlich genug. Ich spürte kaum meine Füße, konnte nur hell und dunkel unterscheiden und wäre wahrscheinlich ohne Hilfe gegen Türrahmen gelaufen und hätte  umhergehende Menschen angerempelt.

Plötzlich höre ich eine Stimme. Ich zucke zusammen, als ich bemerke, dass mich jemand an der Schulter berührt, denn ich kann niemanden in der Nähe sehen, weil mein Blickfeld so stark eingeschränkt ist. „Sie können wieder aufstehen, wir gehen jetzt zurück und befreien Sie,“ höre ich eine Stimme wie von Ferne klingen. Also mit Schwung und Hilfe raus aus dem Bett und auf demselben Weg wieder zurück.

Endlich kann ich die schalldämpfenden Kopfhörer, die dunkel getönte und mit einer Vignette ausgestattete Brille und viele andere Teile ablegen. Darunter eine mehrere Kilo schwere Weste, eine Halskrause und eine Beinschiene, die den Bewegungsspielraum meines rechten Knies stark einschränkte.

Mitarbeiter des Seniorenheims Charlottenhöhe in Thalfang haben mir einen Alterssimulationsanzug verpasst. Die Aktion war kein Spaziergang, im Gegenteil: Es war ziemlich frustrierend, am eigenen Leib zu erleben, wie sich manche ältere Mitmenschen mit steifen Kniegelenken, schlechtem Sehvermögen und schwachem Kreislauf wohl fühlen müssen. Und man schwört sich, alle Checkup-Arzttermine wahrzunehmen und auch weiterhin regelmäßig Sport zu treiben, um möglichst lange fit zu bleiben.

„So fühlen sich manche Senioren, wenn sie am Abend ins Bett gebracht werden,“ sagt Hannah Müller. Müller arbeitet bei der Betreibergesellschaft des Seniorenheims, der GFA mbH in Langenlonsheim (Kreis Bad Kreuznach) und hat den Alterssimulationsanzug, der einen ganzen Koffer füllt, mit nach Thalfang gebracht.

Dieselbe Erfahrung haben an diesem Tag auch mehrere Schülerinnen der Erbeskopf Realschule plus gemacht. Sie nehmen an einem Projekt teil, das schon seit mehreren Jahren angeboten wird. Andrea Marx, Betreuerin an der Schule, hat das Projekt ins Leben gerufen. Einmal in der Woche treffen sich Schüler aus allen Klassenstufen, um gemeinsam das Seniorenheim Charlottenhöhe zu besuchen und mit den Senioren etwas zu unternehmen und sich zu unterhalten. An diesem Tag stand aber etwas Besonderes auf dem Programm: Die Schülerinnen sollten, mit verschiedenen Modulen des Simulationsanzugs und einem Rollstuhl ausgestattet, ein Paket quer durch das Seniorenheim bringen. Marx erläutert: „Die Gruppe war etwa 20 Minuten in der Ausrüstung unterwegs. Man ist schon sehr eingeschränkt, man sieht wegen der Brille nicht, was auf einen zukommt. Das erklärt auch, warum viele Senioren es nicht mögen und zusammenzucken, wenn man ihnen ständig die Schulter tätschelt. Sie sehen einen nicht, wenn man nicht direkt von vorne kommt. Es ist wichtig, dass junge Menschen das verstehen lernen - und das klappt mit dem Anzug sehr gut.“

Foto: TV/Claudia Müller

Für die zehnjährige Cynthia Götten war das eine neue Erfahrung: „Das war sehr komisch, mit der Brille herumzulaufen. In dem Anzug könnte ich nicht in die Schule gehen“. Fabienne Peters, ebenfalls zehn Jahre alt, war auch überrascht: „Ich saß bei unserem Gang im Rollstuhl und musste aufpassen, dass ich nicht irgendwo gegen knalle. Und dabei musste ich auch auf meine Mitschülerin Fatma aufpassen. Denn die hatte ja die Brille an und konnte nicht viel sehen und hören. Das war schon schwierig, so durchzukommen.“

Fatma Hussainzeda (13) fiel es ebensowenig wie ihrer Schwester Zohra (16) auch nicht leicht, als „Senior“ durch das Gebäude zu gehen: „Das ist sehr schwer gewesen. Wir müssen den alten Menschen helfen, denn die können eben nicht so schnell sein. Das habe ich gemerkt.“ Zohra Hussainzeda sagt: „Es war sehr schwer, mit dem Anzug zu gehen. Mit der Brille war es auch schwierig, man kann ja nichts sehen. Man muss schon sehr aufpassen, dass man nicht mit jemandem zusammenstößt.“

Daniela Eis, Leiterin des Seniorenheims, erklärt: „Wir haben den Alterssimulationsanzug extra für den Termin nach Thalfang geholt. Es ist wichtig, dass die Kinder einen Eindruck erhalten, wie sich das für einen älteren Menschen anfühlt, wenn er in einer hilflosen Situation ist.  Wie Eis erläutert, wird der Anzug für die Schulung von neuen Mitarbeitern verwendet, um diese für das Thema zu sensibilisieren. Eis: „Der Anzug sorgt immer wieder für Aha-Effekte.“ Zur Ausstattung gehöre auch ein zusätzlicher Tremor-Simulator, mit dem man – wie bei einer Parkinson-Erkrankung – zitternde Hände erzeugen kann.

Schülerinnen und auch der Autor dieser Zeilen nehmen die Erfahrung mit: Mehr Verständnis und mehr Respekt für Senioren zu empfinden. Denn: Älter zu werden ist kein Spaziergang.

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