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Prozess wegen versuchtem Mord in der JVA Wittlich

Kostenpflichtiger Inhalt: Prozess wegen versuchtem Mord in der JVA Wittlich : Ein Hitlergruß für die eintreffenden Ersthelfer

Die Trierer Schwurgerichtskammer hat die Verhandlung gegen einen 22-Jährigen fortgesetzt, dem versuchter Mord, Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung vorgeworfen.

Tatort soll am 20. Juli 2019 die Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich gewesen sein, wo der aus Bad Ems stammende Angeklagte wegen einer anderen Sache in der psychiatrischen Abteilung saß. Seit dem 26. Juli 2019 befindet er sich nun in der psychiatrischen Fachklinik Nette-Gut in Andernach. Nach dem Stand der Ermittlungen soll er an jenem Juli-Tag in der JVA Wittlich einen Justizbeamten unvermittelt von hinten mit einer Rasierklinge angefallen und schwer verletzt haben (wir berichteten). Die Klinge habe er zuvor aus einem Einmalrasierer ausgebaut, den die Anklagten auf Wunsch zur kurzen Benutzung ausgehändigt bekommen.

Staatsanwalt Christian Hardwig geht davon aus, dass der 22-Jährige schuldunfähig ist. Er sei seit seinem 14. Lebensjahr polytoxikoman (nimmt verschiedene Drogen gleichzeitig) und weise seit dem 16. Lebensjahr immer wieder Symptome paranoider Schizophrenie auf.

Der Angeklagte wollte sich am ersten Verhandlungstag nicht direkt zur Sache eingelassen. Das sei eine Inszenierung der JVA-Leute gewesen, „weil die Angst vor mir hatten“.

Nach zwei Verhandlungstagen steht eines fest: Dieser gar nicht gewalttätig wirkende Häftling galt als ein schwerer Problemfall, vor dem sich die JVA-Mitarbeiter in acht nahmen. Die Rasierklingen-Attacke scheint nur die Spitze einer Reihe von Vorfällen gewesen zu sein. Dies ergibt sich aus den Aussagen mehrerer JVA-Beamten, die die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Trier am zurückliegenden Verhandlungstag als Zeugen anhört.

Schon mehrfach soll der Angeklagte zuvor JVA-Mitarbeiter angegriffen, beleidigt, angespuckt und auch verletzt haben. Mit „Umbringen“ habe er den Beamten gedroht und mit „ich weiß wo du mit deiner Familie wohnst“.

Die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz verliest dazu ein lange Liste JVA-interner Vorfälle rund um den jungen Häftling, wozu auch etwa Fehlalarme gehörten, die er über den Notruf ausgelöst habe. „Irgendwie ein gespaltene Persönlichkeit. Manchmal ist er echt ansprechbar gewesen, und dann wieder ausfällig“, sagen einige Zeugen.

Der Leiter der JVA-Schreinerei ist in der Anstalt auch als First Responder (ehrenamtlicher Ersthelfer) tätig und war am 26. Juli 2019 zum Ort des Geschehens alarmiert worden. Er zitiert die Sprüche des Anklagten, während er den Verletzten versorgte. Man sei von ihm mit dem Hitlergruß empfangen worden, dazu der Ruf: „Heute ist ein guter Tag für das deutsche Vaterland.“ Ein anderer Zeuge erinnert sich an Gespräche mit dem Angeklagten, während dieser wieder eine Phase der Ansprechbarkeit hatte. Da seien Dinge zusammengekommen wie „alte Leute sollte man einfach sterben lassen“ oder „unproduktive Menschen gehören umgebracht“ und „man sollte aus den ganzen, heute anfallenden Schrott ein riesiges Raumschiff bauen“.

Wieso aber dieser Häftling einen Einmalrasierer ausgehändigt bekam, ohne dass die Rückgabe des Geräts strikt überwacht wurde, das ist weiter unklar. Einer Beamtin aus der psychiatrischen Abteilung zufolge stand der Angeklagte auf der Liste der problematischen Häftlinge, an die keine gefährlichen Gegenstände ausgehändigt werden dürfen. Die Zeugin: „Diese besondere Sicherungsmaßnahme behielt grundsätzlich bestand, wurde aber manchmal sukzessive gelockert.“ Und auf die Frage, wie lange ein Häftling einen Einmalrasierer behalten durfte, antwortet sie: „In der Regel so etwa 20 Minuten. Das ist eine Ermessensfrage des zuständigen Beamten.“

Aber selbst für einen geschickten Bastler dürften 20 Minuten nicht reichen, um aus einem Einmalrasierer das Messer auszubauen und daraus in der Kürze der Zeit eine Angriffswaffe zu bauen.“

In der nächsten Sitzung am Freitag, 22. Mai, 11 Uhr, soll der Leiter der Justizvollzugsanstalt Wittlich als Zeuge gehört werden.