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Qualität vor kleiner Besucherschar

Qualität vor kleiner Besucherschar

WITTLICH. Dass Orgelmusik hörenswert ist und nicht nur Gottesdienst-Untermalung, muss sich in der Stadt noch herumsprechen. Das vorzügliche Orgelkonzert mit Dan Zerfaß erreichte jedenfalls nur eine kleine Besucherschar.

Vor mehr als zwanzig Jahren ist Dan Zerfaß erstmals in Wittlich aufgetreten, auf einem Musikschultag. Damals begleitete er am Klavier eine Cellistin, und der Kritiker lobte die Aufmerksamkeit des jungen Musikers. Mittlerweile ist Dan Zerfaß zum Domorganist in Worms aufgestiegen und zum Dozenten an der Mainzer Universität. Natürlich war es nicht der Auftritt beim Musikschultag, der ihn wieder nach Wittlich zog, sondern Beziehungen zu einer Familie der Stadt. Die sorgte dafür, dass der angesehene Musiker die Kulturtage durch etwas ganz Besonderes, zu Unrecht Unterschätztes bereicherte: Orgelmusik in der Pfarrkirche St. Markus. Vielleicht müssen sich die Wittlicher daran noch gewöhnen. Jedenfalls: Die Zuhörerzahl der Trierer Basilika- und Dom-Orgelkonzerte wurde bei weitem nicht erreicht. Dabei enthielt das Programm nichts Abschreckendes, sondern eine wohl ausgewogene Mischung aus Bekannterem und Neuem. Dan Zerfaß hält nichts von chronologischen Programmen nach dem Muster: Zum Einspielen am Anfang Alte Musik und am Schluss die moderne Orgelsinfonik. Er springt vor und zurück, kreuz und quer. So kommt in der Mitte des Konzerts Samuel Scheidt vor, der vor 350 Jahren starb, ebenso vor wie der junge, hochbegabte und früh verstorbene Johann Ernst von Sachsen-Weimar, dem Johann Sebastian Bach mit seinem Orgelkonzert G-Dur ein musikalisches Denkmal setzte. Dazwischen Liedvariationen von Flor Peeters (1903-1968). Und zu Beginn wie am Schluss große Orgel: Introduktion und Passacaglia f-Moll op. 63 von Max Reger und drei Kompositionen von Jehan Alain (1911-1940), einem der Millionen Kriegsopfer. Dan Zerfaß ist kein Freund des wolkigen Pathos. Er musiziert sauber, gradlinig, manchmal ein wenig zurückhaltend, immer nobel und werkgerecht. Reger bauscht er nicht auf, findet aber doch am Schluss der Passacaglia zu einem großen, wuchtigen, sinfonischen Klang. Und Alain: Da klingt das Mystische und Freie dieser Musik an. Die Kompositionen atmen, träumen, versenken sich in eine religiöse Tiefe, in die Worte nicht hineinreichen, wohl aber die Musik. Das musiziert der Organist, Jahrgang 1968, sicher sorgfältig und sensibel aus. Und in die Zustimmung zur Interpretation mischt sich die Trauer über den frühen Tod dieses Komponisten. Was hätte Alain noch Wunderbares erfunden! Wie bereitet sich Dan Zerfaß vor auf ein Orgelkonzert? Das findet ja an einem fremden Instrument statt - mit anderen Klangmöglichkeiten, vielleicht anderer Technik. In einer ersten Sitzung stellt er sich auf die Konzertsituation ein, experimentiert mit Registern, stellt fest, was er gegenüber der heimischen Orgel anders handhaben muss, instruiert auch die Person, die die Register zieht. Am Konzerttag spielt er sich ein und weiß, wie er mit der Orgel umzugehen hat. Experimente gibt es nicht mehr. Jetzt geht es nur um die Musik. Dazwischen liegen ein Tag und zwei Nächte. Da könne er die Angelegenheit überschlafen, sagt er. Was beweist: Auch gesunde Nachtruhe fördert die Kultur.