Rastplatz für die Seele

Weihnachtszeit ist die Zeit der Kirchen. Auch, wenn viele Menschen das ganze Jahr über keinen Gottesdienst besuchen, an Weihnachten zieht es sie dann doch in die Kirche. Ein ganz besonderes Gotteshaus ist in Wittlich zu finden: die Autobahn- und Radwegekirche St. Paul, in der die Besucher nicht nur während der hektischen Adventszeit Ruhe finden.

Wittlich. Stille. Mal abgesehen von dem Rascheln der eigenen Winterjacke und dem leisen Knirschen, das jeder Schritt verursacht. Ach ja, und natürlich dem monotonen Rauschen, das von der 1,2 Kilometer entfernten A 1 zu hören ist. Ein Rauschen, das so gleichmäßig daherkommt, dass es fast meditativ und damit auch wieder beruhigend wirkt. Wer in der hektischen Zeit um Weihnachten Ruhe sucht, findet sie in der Autobahn- und Radwegekirche St. Paul in Wittlich, der einzigen Kirche dieser Art im Bistum Trier (siehe Extra).
Blick ins Anliegenbuch


Auch wenn sich nicht ermitteln lässt, wie viele Auto- beziehungsweise Radfahrer genau den Weg in das Gotteshaus finden - dass hier zahlreiche Menschen Ruhe tanken, lässt sich erahnen, wenn man das Anliegenbuch durchblättert, das im Eingangsbereich ausgelegt ist. Meist anonym haben Besucher hier ihre Gedanken, Wünsche sowie ihren Dank an Gott niedergeschrieben. "Sehr schön, dass es die Autobahnkirche gibt, wo man Stille und Entschleunigung und die Chance hat, an Gott zu denken", ist dort zu lesen. An anderer Stelle bedankt sich "Ben" dafür, dass sein Schutzengel ihm bei einem Autounfall das Leben gerettet hat.
Während eines Stopps auf dem Maare-Mosel-Radweg hat sich auch "Walli" in das Anliegenbuch eingetragen: "Wie schön, auch auf dem Radweg in ein Haus Gottes einzukehren", schreibt er. Dass vermutlich auch einige Fußgänger Halt in der Kirche machen, bezeugt folgender Eintrag: "Hallo, hier war Dennis", ist in etwas unbeholfener Kinderschrift zu lesen: "Ich will nicht spa(t)zieren."
Einmal im Monat, so berichtet Wolfram Viertelhaus, Vorsitzender des Fördervereins Autobahnkirche St. Paul, werden die Anliegen aus dem Buch im Gottesdienst in den Fürbitten berücksichtigt.
Denn St. Paul ist weit mehr als eine "Rast für Leib und Seele" nur für Spaziergänger, Auto- und Radfahrer: Sonntags werden hier zwei Gottesdienste gefeiert, die zusammen laut Viertelhaus rund 250 Besucher anlocken. "Da würde sich mancher Pfarrer die Finger nach lecken", sagt der Vereinsvorsitzende, der sich die hohen Besucherzahlen zum einen mit den "hervorragenden Predigten" von Pater Franz-Josef Janicki und zum anderen damit erklärt, dass die Autobahnkirche eine offene, freiere Form für Leute sei, die sich nicht an eine Pfarrgemeinde binden wollten.
Im Gegensatz zu den Pfarrkirchen bekommt St. Paul allerdings kein Geld von der Kirche - der Förderverein Autobahnkirche St. Paul betreut, verwaltet und finanziert das Gotteshaus. Gut 50 Ehrenamtliche sorgen dafür, dass die Kirche abends abgeschlossen und regelmäßig gereinigt wird, dass frische Blumen in den Vasen stehen und dass die notwendigen kleineren Reparaturen an dem mehr als 40 Jahre alten Gebäude erledigt werden. Geld erwirtschaftet der Förderverein durch die Beiträge der 185 Mitglieder, durch Spenden, Erlöse aus Konzerten und Veranstaltungen wie "Kino in der Kirche" sowie dem Kerzenverkauf. "Ich muss ungefähr 1000 Euro im Monat zusammenkriegen, damit es passt", sagt der Vereinsvorsitzende Viertelhaus.
Insbesondere durch den Kerzenverkauf komme einiges an Geld zusammen. Er ist im Übrigen ebenfalls ein Indiz dafür, dass zahlreiche Besucher nach St. Paul kommen: Gut 5000 Kerzen werden im Jahr dort angezündet. In einem Gotteshaus, das mehr ist als eine Gottesdienst-, eine Autobahn- oder eine Radwegekirche: "Wir haben heute wieder unseren Besuch, auf der Reise von Hamburg nach München, von der Bahn abgeholt und sind hier eingekehrt, um anzukommen", schreibt ein Besucher mit den Initialen "R.L." in das Anliegenbuch. St. Paul sei also auch eine "Bahnstationskirche".Extra

Die Autobahn- und Radwegekirche steht in der Wittlicher Senke, 1,2 Kilometer von der Autobahnausfahrt "Wittlich-Mitte" entfernt, direkt neben der ehemaligen Klosteranlage der Steyler Missionare. Das Gotteshaus wurde 1969 als katholische Kirche gebaut. 2007 gaben die Steyler Missionare das Kloster und damit auch ihre Klosterkirche auf. Aus der Mitte eines Freundeskreises, der sich der Kirche verbunden fühlte und aus dem sich später der Förderverein entwickelte, entstand die Idee der Autobahnkirche, zu der St. Paul im Juni 2010 erklärt wurde. Mittlerweile gibt es bundesweit 40 solcher Kirchen. St. Paul ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Seit September 2012 zählt St. Paul zudem zu Deutschlands Radwegekirchen. Bundesweit einmalig ist das Mahnmal, das vor dem Eingang an die Zwangsarbeiter erinnert, die während der Naziherrschaft beim Autobahnbau eingesetzt wurden. neb