"Reich wird man sicher nicht"

WITTLICH. Ich-AG oder Überbrückungsgeld - Hauptsache selbstständig: Weil sie keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt sehen oder endlich ihr eigener Chef sein wollen, nehmen einige ehemalige Angestellte ihr Schicksal selbst in die Hand. Der TV sprach mit zwei Existenzgründerinnen über ihr erstes Geschäftsjahr.

Kaum hat Heike Nonnweiler das Licht in ihrer kleinen Änderungsschneiderei in der Wittlicher Innenstadt angeknipst, klopft schon ein Kunde an die Scheibe. "Ich will nicht in ihrer Mittagspause stören, aber kann ich die Jacke gerade da lassen", fragt ein Mann. Heike Nonnweiler nimmt die Jacke an - das gehört für sie zum Service.Seit September 2002 ist Nonnweiler Inhaberin des Geschäfts (der TV berichtete) und zufrieden mit seiner Entwicklung im ersten Jahr. Einige Stolperfallen seien ihr dennoch nicht erspart geblieben, berichtet sie. "Ich habe wohl etwas falsch verstanden und gedacht, ich könnte bei meinen Rentenbeiträgen ein Jahr aussetzen. Jetzt geht mir möglicherweise die Berufsunfähigkeitsrente flöten", sagt Nonnweiler, die als ehemalige Politesse, Bürokauffrau und Verkäuferin viele Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat. Mit Hilfe der Rentenberatungsstelle will sie dieses Problem aus dem Weg schaffen. "Ich hab mich vor der Gründung um alles haarklein gekümmert, aber da habe ich vielleicht einen Fehler gemacht."Ins Trudeln kam sie ebenfalls mit der Krankenversicherung. "Ich bin krank geworden und hätte länger aussetzen müssen. Ich bin aber nach drei Wochen wieder arbeiten gegangen, sonst hätte ich mein Geschäft nicht halten können. Es gibt ja keine Lohnfortzahlungen mehr für mich." Auch die Umsatzsteuer bereitete ihr Sorgen. Beim Finanzamt riet man ihr, als Kleinstunternehmen zu agieren. Bei einem Umsatz unter 16 600 Euro hätte sie keine Umsatzsteuer zahlen müssen. "Es zeigte sich, dass ich vielleicht doch größere Einnahmen habe und eine Nachzahlung wollte ich auf keinen Fall riskieren", erzählt sie.Die größten Bedenken, die sie bei der Gründung ihres Geschäfts gehabt habe, seien jedoch fehlende Kundschaft gewesen. Durch Anzeigen, Mundpropaganda und Werbung beim Einzelhandel sei sie dem Problem jedoch recht erfolgreich zuleibe gerückt. "Ich habe mich vor der Eröffnung in allen Geschäften vorgestellt und meine Preislisten hinterlassen. Mittlerweile habe ich einige Firmenkunden." Auch auf der Existenzgründerinnenmesse "Exme 2002" in Wittlich stellte sie sich vor.Ein Mangel an Kundschaft ist auch die große Sorge von Ute Petri, die Anfang Oktober einen Bügelservice in der Wittlicher Innenstadt eröffnet hat. "Aber es gibt eigentlich keine Konkurrenz in Wittlich, deswegen bin ich optimistisch."Eine gehörige Portion Idealismus gehört dazu

Die gelernte Einzelhandelskauffrau war ein halbes Jahr arbeitslos, bevor sie die Entscheidung fällte, ein kleines Geschäft zu eröffnen. "Mit meinen 54 Jahren habe ich kaum Chancen auf einen Job. Aber ich kann nicht untätig zuhause sitzen. Ich musste etwas tun." Die Firmengründung mit Überbrückungsgeld vom Arbeitsamt erledigte sie größtenteils in Eigenregie, das Angebot, an einem zwölfwöchigen Existenzgründerlehrgang teilzunehmen, lehnte sie jedoch ab. "Schließlich habe ich fünf Jahre ein Taxi-Unternehmen geführt", erklärt sie. Heike Nonnweiler hingegen hat an diesen Kursen teilgenommen und sich ausführlich beraten lassen. "Ich finde, man muss ständig auf dem neuesten Stand sein. Ich lasse mir immer noch Tipps von Kollegen geben."Einig sind sich die beiden Existenzgründerinnen darin, dass eine gehörige Portion Idealismus und Spaß an der Arbeit dazugehört, um das Geschäft auf Dauer am Leben zu erhalten. "40 Stunden die Woche sind nicht drin. Ich bin eigentlich jeden Tag mit meiner Arbeit beschäftigt. Aber reich wird man damit sicher nicht." Beide Frauen hoffen, einen monatlichen Überschuss zu erwirtschaften, der dem Gehalt aus ihren früheren Tätigkeiten entspricht. Heike Nonnweiler liegt am Monatsende jedoch oft unter dem geplanten Umsatz. "Wenn mein Mann nicht auch noch arbeiten würde, käme ich momentan noch schlecht über die Runden. Das dauert eben, bis man einen festen Kundenstamm hat." Doch sowohl sie als auch Ute Petri sind optimistisch und hoffen darauf, dass ihre Mühen bald Früchte tragen. "Tauschen würd' ich auch nicht mehr", sagt Nonnweiler, "denn mein größter Wunsch war es, endlich meine eigene Chefin zu sein."