Rettung vom "Glockenfriedhof"

Die Renovierung des Burtscheider Glockenturms rückt ein Verbrechen an ganz besonderen Kunstwerken ins Bewusstsein: Ab 1940 sammelten die Nazis deutschlandweit zunächst Metallgegenstände und später Kirchenglocken für Kriegszwecke ein. Nur wenige Glocken kehrten zurück.

 Der „Glockenfriedhof“ in Hamburg-Veddel im Jahre 1947: Viele tönende Kunstwerke sind für immer verloren. Foto: Bundesbildarchiv
Der „Glockenfriedhof“ in Hamburg-Veddel im Jahre 1947: Viele tönende Kunstwerke sind für immer verloren. Foto: Bundesbildarchiv

Thalfang/Morbach. "Der Gemeinde Burtscheid gehöre ich, Corneli gosse mich", steht auf der kleinen Glocke des Burtscheider Glockenturms, die 1788 in Prosterath gegossen wurde. "Sie war eine der von den Nazis geraubten und für Kriegszwecke vorgesehenen Glocken", weiß Ortsbürgermeister Olaf Hannemann.

In der Nähe des Hamburger Hafens wurden die Glocken aus ganz Deutschland gesammelt. Ein regelrechter "Glockenfriedhof" entstand. Doch die Burtscheider Glocke fand nicht den Weg in die Gießerei der "Reichswerke Hermann Göring".

Die Heimreise konnten auch die Glocken aus den Nachbarorten Rorodt und Etgert antreten, wie Ortsbürgermeister Hermann Klein und sein ehemaliger Amtskollege Herbert Weirich bestätigen.

Detailliert ist die Glockentragödie im Internet-Lexikon "Wikipedia" nachzulesen: Im Zweiten Weltkrieg wurden 42 583 deutsche Kirchenglocken aus Bronze verhüttet oder zu "Glockenbruch" zerschlagen, da Bronze eine kriegswichtige Legierung für die Munitions- und Waffenherstellung darstellte. 13 500 von ihnen konnten gerettet werden.

Nach dem Krieg gründeten die alliierten Behörden einen Ausschuss zur Rückführung der Glocken. Diese Rückführung gelang nur, wenn die Herkunftsorte als Schriftzug mit eingegossen waren.

Gleich zweimal, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, büßte die Morbacher Pfarrkirche St. Anna jeweils drei Glocken ein, wie Heimatforscher Berthold Staudt herausfand.

Wie exakt die Nazi-Verwaltung bei der "Metallspende" für den "Freiheitskampf des Deutschen Volkes" arbeitete, ist im Buch von Reinhold Anton nachzulesen, das im Jahr 2000 zum 100. Geburtstag der Thalfanger Pfarrkirche St. Matthäus erschienen ist.

Demnach befahl der Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten, Hanns Kerrl, im Oktober 1942 Pfarreien eine Bestandsaufnahme aller Gegenstände aus Kupfer, Zinn, Blei, Nickel und den Legierungen Bronze und Messing. Dafür gab es ein eigens entworfenes Formblatt, das dem Erlass in dreifacher Ausfertigung beigefügt war.

Auch Nebenkirchen und Kapellen blieben von der "angeordneten freiwilligen Ablieferung der Metallgegenstände" nicht verschont.

Die Pfarrkirche St. Matthäus hatte bereits im Ersten Weltkrieg eine Glocke abgeben müssen. 1942 fielen zwei Glocken der Rüstungsindustrie zum Opfer.

Mehr Glück hatte die evangelische Kirchengemeinde Thalfang. Ihre beiden Bronzeglocken kehrten nach dem Weltkrieg unversehrt heim. In weiser Voraussicht hatte der Bauunternehmer Friedrich Marx aus Bäsch dafür gesorgt, dass die Glocken nicht vom Turm geworfen wurden und dabei zerschellten. Ein rechtzeitiges ordnungsgemäßes Abhängen rettete die "klingenden Himmelsboten".

ExtraGlocken für den Krieg: Bereits Napoleon (1769- 1821) ließ während der französischen Revolutionskriege Glocken zu Kanonen einschmelzen, obwohl er glühender Verehrer ihres Klangs war. Der Nutzen für den Krieg ging vor. Im Ersten Weltkrieg wurde die Hälfte aller deutschen Kirchenglocken vernichtet. (Quelle: Planet Wissen)