Roofer fotografieren Hochmoselübergang aus Höhe von 80 Metern

Roofer fotografieren Hochmoselübergang von oben : Leise Momente statt besonderem Kick

Ein Mann klettert in einer gefährlichen und illegalen Aktion auf den Pylon, das in der Bauphase höchste Teil des Hochmoselübergangs. Seine Gründe sind vielfältig. Die nicht alltäglichen Ausblicke will er mit der Öffentlichkeit teilen.

In einer – im wahrsten Sinne des Wortes – Nacht- und Nebel-Aktion sind zwei Roofer (siehe Info) im vergangenen Jahr auf den Pylon des Hochmoselübergangs geklettert. Der Pylon war in der Bauphase der höchste Punkt der Brücke, über das die Seile verankert waren. Ihre Aussichten von dort haben die beiden in Fotos und Videos festgehalten. Jens, einer der beiden Roofer, erzählt im TV, was ihn zu dem verbotenen und gefährlichen Hobby antreibt. Es sei weder das Streben nach besonderer Beachtung, noch nach dem besonderen Kick. Und mit Kritik muss er auch leben.

„Ich suche schöne, inspirierende, vor allem leise Momente. Mich ärgert es, wenn Roofing nur auf die Suche nach einem Kick reduziert wird“, sagt der 46-Jährige, der in Hessen lebt. Letzterer gehöre bei manchen Kletterern sicher dazu, bei ihm stehe aber die Suche nach dem Gegenteil im Vordergrund. Riskante Aktionen wie das Herunterhängenlassen an zwei oder gar nur einem Arm über dem Abgrund, freies Balancieren oder Rollen hart am Abgrund würde man bei ihm nie finden.

Roofing: Ausblicke vom Pylon der Hochmoselbrücke

 Die Tour auf der Hochmoselbrücke habe die „wohltuende Distanz zur Hektik und Aggressivität, die häufig unser Zusammenleben bestimmt“ besonders spürbar gemacht: „Durch den Nebel waren wir vom Leben im Tal auch optisch getrennt. Während im Tal das Grau im Nebel das Leben bestimmte, zauberten die Sonne und der Nebel für uns ein wunderschönes Schauspiel, das man von unten kaum erahnen konnte.“

Eine weitere Motivation, Bauwerke zu erklettern und zu fotografieren oder zu filmen sei es, Orte im Wandel aus besonderen Perspektiven zu zeigen. „Wenn ein Bauwerk fertiggestellt ist, sind Aufnahmen aus der Bauzeit oft ein interessantes Zeitdokument. Wenn die Hochmoselbrücke Benelux und Rhein-Main verbindet, Tausende Autos am Tag die Brücke passieren, gibt es Aufnahmen und für uns zusätzlich wundervolle Erinnerungen, dass wir noch gut 80 Meter über der Fahrbahn ein Naturwunder bestaunten.“ Aber: Nicht zuletzt sei es auch eine körperliche Herausforderung. Ein neuer Höhenrekord sei etwas, auf das er auch immer stolz sei. In der Hinsicht sei es nicht anders als bei anderen Sportarten, in denen neue Bestzeiten, gestemmte Massen, Weiten oder Höhen aufgestellt würden.

Elf, zwölf Bauwerke, die höher als 100 Meter sind, hat Jens bereits erklettert, mal alleine, mal in Gruppen von bis zu vier Leuten. Unterwegs war er in Deutschland und dem benachbarten europäischen Ausland. „Kleinere Objekte habe ich einfach gefunden, weil ich mit offenen Augen laufe. Andere Dinge findet man im Internet, wenn man sich auch für Bauprojekte interessiert.“ Auch finde ein Austausch unter Gleichgesinnten statt. Die Dauer einer Expedition sei unterschiedlich, meist mehrere Stunden, bevorzugt nachts, um nicht gesehen zu werden und um weder als Selbstmörder, noch als Saboteur oder Terrorist missverstanden zu werden. „Mir ist wichtig, niemanden zu schädigen oder auch zu beunruhigen, dazu zählt auch, nicht unnötig die Höhenrettung zu binden.“

Andere mit den Aufnahmen zum illegalen Klettern auf Bauwerken zu animieren, ist nicht das Ziel. Bei der Hochmoselbrücke habe er die Aufnahmen erst veröffentlicht, als der Pylon abgebaut war, um Nachahmungen zu vermeiden. Und man folge immer der Urban Exploring- Ethik: den Ort respektvoll zu behandeln. „Vandalismus, Diebstahl und andere schädliche Aktivitäten sind absolut tabu. Dazu zählt natürlich auch, dass keine Türen, Fenster, Zäune beschädigt werden.“

Ein spezielles Training hat Jens nicht. „Ich trainiere weniger für die Touren, die Touren trainieren mich.“ Das Klettern trainiere auch einen wichtigen Aspekt: die Fähigkeit, Nein zu sagen.

„Meinen ersten Aufstiegsversuch auf die Langwellenmasten in Donebach habe ich abgebrochen, obwohl ich dem Moment seit Wochen entgegengefiebert habe und dafür mehrere Hundert Kilometer gefahren bin. Es war in dem Moment nicht sicher genug.“

Kritik für seine Aktionen bekommt der 46-Jährige auch, wenn er diese publik macht, in sozialen Netzwerken oder auf Youtube-Videos. „Dass es sie gibt, finde ich gut. Ich wünsche mir nur, dass sie sachlich ist. Diskussion lebt von der Vielfalt der Meinungen und dazu gehört auch, dass jeder äußern kann, was er nicht gut findet.“ Viele Menschen reageirten aber auch positiv. „Es gibt natürlich auch einige, die sich einfach an den Bildern erfreuen, daran, ihre Heimat oder eine schöne Gegend von oben zu sehen. Ich bin ehrlich: Das genieße ich natürlich am meisten.“  

Die Expedition auf den Hochmoselübergang hat er positiv in Erinnerung: „Die Erkundung verlief angenehm. Die Brücke ist für mich in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Projekt. Noch nie habe ich eine derart hohe Brücke im Bau erlebt. Alleine den damals noch nicht geschlossenen Brückenschlag von oben zu betrachten, war außergewöhnlich.“ Die vielleicht schönste Besonderheit sei das Naturschauspiel gewesen, den dichten Nebel bei strahlendem Sonnenschein von oben zu betrachten. „Das ist zu schön, um es nur für uns zu behalten.“

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