Sackleinen statt Tornister

Die Schulchronik von Dreis enthält eine handgeschriebene Beilage mit dem Titel "Rückblick auf die Zeit vor 80 Jahren! Die gute alte Zeit", verfasst 1979. Peter Follmann beschreibt darin seine Kindheitserinnerungen aus der Zeit um 1900, darunter auch zur Dreiser Volksschule.

Dreis. "Damals hatte Dreis 900 Einwohner. Unser Lehrer hieß Anton Raskopp, geboren in Gerolstein. Die Lehrerin hieß Christina Palzer. Die alte Schule hatte zwei Schulsäle, eine Lehrerwohnung und eine kleine Wohnung für die Lehrerin. Jede Lehrperson hatte meistens über 40 Kinder in der Klasse. Die meisten Familien hatten fünf bis neun Kinder. Damals gab es noch kein Kindergeld. 1904 gingen wir mit sechs Geschwistern in die Schule. Unsere Mutter war Witwe. Die Jungen hatten keinen Tornister. Die Mädchen hatten Schultaschen aus Sackleinen, welche die Mutter selbst gemacht hatte. (...) Der untere Schulsaal war noch teilweise im Boden, sehr dunkel. Dort musste sich die arme Lehrerin mit 90 und mehr Kindern herumplagen. Als Beleuchtung waren zwei Petroleumlampen vorhanden. Der Schulsaal im ersten Stock war schön hell. Aber es war sehr oft dicke Luft. Der Lehrer war sehr streng. Er hatte die erste und zweite Abteilung mit 93 Kindern, dazu auch die Poststelle. Wenn der Lehrer abends bei Dämmerung durch das Dorf ging, war kein Kind auf der Straße zu sehen. (...) Ein einziges Mal machten wir einen Ausflug mit der Schule nach Dodenburg, als Kaiser Wilhelm II. im Schloss Dodenburg war. Wenn ein Kind Namenstag hatte und der Lehrer war sehr gut gelaunt, bekam es einen Griffel. War er aber schlecht gelaunt war, sagte er: Da kann ich nichts dafür. Es bekam keinen Griffel. (...) Im Herbst 1906 war Manöver. Ich musste morgens einen Stock schneiden, ging ins Bienengässchen hinauf und wollte keinen finden. Zuletzt war ich oben auf dem Wald bei den Soldaten. Ich musste aber wieder in die Schule zurück. Während der Pause sagte ich den Jungen: Auf dem Wald ist Manöver. Im Nu war alles oben. Wir liefen mit bis auf die Breit. Wir bekamen aus der Feldküche Essen. Am anderen Morgen sagte der Lehrer kein Wort. Er hatte ja auch schulfrei gehabt, weil wir Jungs weg waren. Er war halt auch Soldat und hatte Verständnis für seine Jugend."