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Sängerheim in Rachtig besteht seit 100 Jahren

Vereine : Als Sänger Eisenbahnwaggons schoben

Das Rachtiger Sängerheim ist 100 Jahre alt. Es ist durch viel Eigeninitiative entstanden und nur dank des Engagements der Mitglieder immer noch im Besitz des Vereins Chorgesang Cäcilia Rachtig.

  Eigentlich hätte Johannes Morbach am ersten verlängerten Juni-Wochenende das Rachtiger Sängerheim gerne proppenvoll gehabt. „Es war alles schon geplant“, erzählt der Vorsitzende des Vereins Chorgesang Cäcilia Rachtig. Doch statt das 100-jährige Bestehen des Vereinsheims im großen Stil zu feiern, steht Morbach wegen Corona nur zusammen mit seinem Vorvorgänger und Ehrenvorsitzenden Heribert Kappes im Festsaal und erzählt über die wechselhafte Geschichte des Gebäudes.

Das Rachtiger Sängerheim war und ist ein Gemeinschaftsprojekt. Im Probenraum über dem Saal deutet Morbach auf den neuen Fußboden. „Wir haben das Glück, dass wir viele Leute im Verein haben, die sich einbringen“, erzählt er über die Eigenleistungen bei den immer wieder anfallenden Renovierungen. Richtig teuer wurde es vor 30 Jahren. 1991 sanierte man für 100 000 D-Mark das komplette Dach. Nur zwei Jahre später stand die Mosel beim Jahrhunderthochwasser 80 Zentimeter hoch im Saal. 40 000 D-Mark Schaden waren zu beklagen, erinnert sich Kappes.

Nur die Verpachtung des angeschlossenen Gastronomiebetriebs sichert, dass der Verein die Immobilie halten kann. Wie beim Bau würde es aber ohne das Engagement der Mitglieder nicht funktionieren. Als im Herbst 1920 der damalige Proberaum im Gasthaus Meyer gekündigt wurde, stand der erst zwölf Jahre Verein vor einem Dilemma. Zwar konnte man im sogenannten Spritzenhaus weiter proben. Aber das war nur eine Übergangslösung.

Nach Gesprächen mit dem damaligen Pastor Rohr und dem Kirchenvorstand wurde dem damals noch reinen Männer-Gesangverein auf Pacht ein Teil des Gartens der Frühmesserei-Stiftung überlassen. Vereinsmitglied und Bauunternehmer Karl Hungershöfer erstellte den Plan für einen Saal mit Bühne: 180 Quadratmeter, dazu ein Übungsraum, Küche und Toilettenanlagen. Zur Finanzierung wurden intern Anleihen aufgelegt. Die Mitglieder liehen ihrem Verein so insgesamt 138 558 Mark.

Außerdem wurden die Sänger zu Bauarbeitern. 30 Tage arbeitete jedes Mitglied unentgeltlich. Die Bauunternehmer Hungershöfer und Nikolaus Otter sorgten für das Fachwissen und orderten ihre Maurer für acht Tage kostenlos ab. Hilfreich: Die damals noch zwischen dem Ort und der Mosel vorbeiführende Moselbahn. Die benötigten Steine konnten so direkt an der Baustelle vom Zug abgeladen werden. Allerdings: Die leeren Waggons mussten zum Bahnhof nach Zeltingen. Ohne Lok, mit Manneskraft. Der Kies für die Fundamente wurde selbst aus der Mosel gefördert und das Bauholz kam aus den Gemeindewäldern. Es wurde mit Eigenleistung gespart, wo immer das nur möglich schien. Gemeinsam finanziert und gebaut konnten sich die Vereinsmitglieder mit dem Gebäude identifizieren. Zur Refinanzierung der Verbindlichkeiten wurde für das Sängerheim eine Schankerlaubnis beantragt. Erster Vereinswirt wurde Johann Jacobs.

Die Einweihungsfeier sollte, wie es in der Vereinschronik heißt, „ein Fest werden, wie Rachtig seit Menschengedenken keines aufzuweisen hatte“. 32 Chöre mit über 1200 Sängern kamen. Die Moseltalbahn setzte Sonderzüge ab Trier und Bullay ein. Nach einem Festgottesdienst startete nachmittags ein großer Festzug durch den Ort. Aber nach der Hälfte der Strecke ging ein gewittriger Wolkenbruch nieder, den Matthias Gessinger (Vorsitzender 1922-1971) in der Chronik mit einer biblischen Sintflut verglich.

 Der Ehrenvorsitzende Heribert Kappes führt das Archiv des Vereins Chorgesang Cäcilia Rachtig, in dem sich auch noch die Kassenbücher aus der Bauphase des Rachtiger Sängerheims kurz nach dem Ersten Weltkrieg befinden.
Der Ehrenvorsitzende Heribert Kappes führt das Archiv des Vereins Chorgesang Cäcilia Rachtig, in dem sich auch noch die Kassenbücher aus der Bauphase des Rachtiger Sängerheims kurz nach dem Ersten Weltkrieg befinden. Foto: Holger Teusch

Das Rachtiger Sängerheim entwickelte sich zum Kulturzentrum für alle Vereine des Orts mit Konzerten, Aufführung von Märchen, Operetten und Theaterstücken. Den älteren Rachtigern dürften die legendären Preismaskenbälle am Fetten Donnerstag (bis Ende der 1980er Jahre) und die Kappensitzungen in Erinnerung sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte viele befreundete Vereine der mehrtägige Jahresausflug an die Mosel. 1965 kamen beispielsweise 25 Gesangvereine. 14 Mal wurde ein sogenannter Mosel­abend für die Gästeclubs veranstaltet. „Da musste unser Chor jeden Samstagabend die Gästechöre unterhalten“, erinnert sich Heribert Kappes. Weil die auswärtigen Musiker sich auch nicht lumpen ließen führte das zuweilen zu einem freundschaftlichen Sängerwettstreit. „Wir hatten damals einen äußerst versierten Chorleiter, der hat uns dann angespitzt und gesagt: Jungs, da setzen wir noch einen drauf!“