Scharfe Zungen wie die Profis

HETZERATH. Verschrammte Parkhauspfeiler und die in Hessen festgeschriebene Todesstrafe, gefräßige Nikoläuse, Pfarrer im Beichtmobil und ein explodierendes AKW Cattenom: Beim Kleinkunst- und Kabarettabend in Hetzerath bekamen viele ihr Fett weg.

Dass Hetzerather Kabarett weit mehr als Ulk und Klamauk ist, hat sich herumgesprochen: Sämtliche drei Vorstellungen im Gasthof Paltzer waren im Nu ausverkauft. Die seit 17 Jahren existierende Theatergruppe Hetzerath verblüffte auch jetzt mit einem Programm, das keinen Vergleich scheuen muss. Hochkarätig alle Dialoge und Monologe, in denen ein verbales Bonbon das andere jagte, so dass man kaum die Zeit hatte, sich alle auf der Zunge zergehen zu lassen. Zu Beginn schilderte die komplette Truppe samt Souffleuse Jutta Kemmerling den Zusammenbruch der Stromversorgung durch die hemmungslose Weihnachts-Illumination im Viertel Hetzerath Ost.Zu viel Licht und ein Meisterwerk

Der in die tiefhängende Wolkendecke projezierte Lasernikolaus brachte den Kirchturm zum Zerbröseln; eine Nasa-Sonde funkte Bilder einer angeblichen Supernova von der nördlichen Erdhalbkugel. Letztendlich explodierte das AKW Cattenom wegen Überlastung.Ein von Kotflügeln verschrammter Pfeiler, entnommen einem Trierer Parkhaus zwischen den Frauenparkplätzen 16 und 17, wurde im Rahmen der Sendung "100 Meisterwerke" vorgestellt. Daniel Knopps stimmliches Talent kam in der "Weihnachtsfalle" hervorragend zur Geltung. Gleich drei gefräßige Nikoläuse und ein Engel Gabriel tadeln die Eltern Lemm und ermuntern den Nachwuchs, mit Frechheiten, Faulheit und Trägheit schön weiter zu machen.Ungewollt erweckte Daniela Wagner "den Handwerk" zum Leben. "Schweißmariniert" verbringt sie fürderhin jedwede Nacht, weil der im Paradies aus Adams Steiß entnommene Elektriker - "Luzifer heißt übersetzt 'der, der das Licht bringt'" - durchs Haus geistert. Auch der Titel des Programms war von den Lippen eines üblichen Handwerkers abgelesen: "Das macht Ihnen keiner!" sei neben dem "Boah, da krieg ich keine Teile für!" einer der üblichen Sätze dieser Berufssparte.Weiter zur Live-Schaltung ins Beichtmobil von Prälat Ansgar zu Piepenberg alias Stefan Mähler, der Handwerkern adäquate Bußen auferlegt, wie zum Beispiel das Abisolieren eines 40 Meter langen Erdkabels mit Hilfe der Nagelschere am Heiligen Abend.Thilo Höllen knöpfte sich die akademische Richtung vor. Als Rechtsanwalt brachte er den Saal zum Brodeln, wenn er vom "Ohnbeiner" - der juristischen Bezeichnung für einen beidbeinig Amputierten - erzählte oder vom Streit in Fachkreisen, ob wohl gefriergetrocknetes Sperma erben kann: Es kann es nicht, denn außerhalb des Körpers wird Sperma herrenlos. Allerlei Wissenswertes fiel am Rande seines Vortrages für das staunende Publikum ab.Gedächtnis wie die Elefanten

Wer hatte bis zu diesem Abend schon vom deutschen Leiterrecht gewusst oder von der Tatsache, dass eine Dienstreise beendet ist, wenn der Beamte während dieser Reise stirbt? Noch einige Grade haarsträubender: In einer deutschen Landesverfassung ist die Todesstrafe bis heute festgeschrieben. Höllen: "Den Bayern hätt man's zugetraut; die Hessen haben's!"Werner Knopp, auch für den ein oder anderen gesungenen Part zu haben, begleitete am Klavier eine Gudrun van Brandwijk in bestechender Form: Mit dem Glas in der einen, dem Mikro in der anderen Hand, schwankte sie gefährlich echt über die Bühne, nachdem ihr "ach, Egon, Egon, Eeegon" das Herz gebrochen hatte. Die beiden als "Das liederliche Duo" bekannten Musiker halten der Hetzerather Theatergruppe seit Jahren die Treue.Wie die Darsteller es schaffen, ihre langen, kunstvoll geschraubten und verschachtelten Wortbeiträge im Kopf zu behalten, bleibt ihr Geheimnis. "Wir wundern uns manchmal selbst", gestand der stolze Regisseur Ottmar Hauprich nach der ersten Vorstellung. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Truppe in der Zukunft auch mal auf Tournee gehen wird, um den nach gutem Kabarett lechzenden Bewohnern der ländlichen Region Nahrung zu geben. Übrigens: Die Gruppe ist für Gastkabarettisten offen. Heute Abend findet die letzte Vorstellung der Theatergruppe Hetzerath statt. Karten sind jedoch nicht mehr zu bekommen.