Schausteller-Herzen hängen an Morbach

Schausteller-Herzen hängen an Morbach

MORBACH. Dass Schausteller unbeständig und mit ihren Karussells heute hier und morgen dort sind, ist nur bedingt richtig. Einzelnen Standorten können sie außerordentlich treu bleiben. Das stellen die drei Familien Weeber aus Bad Kreuznach sowie Bruch und Barth aus Andernach unter Beweis. Sie kommen seit insgesamt 240 Jahren nach Morbach. Allein die Firma Weeber gastiert zum 100. Mal in der heutigen Einheitsgemeinde.

"Es gibt Dinge, die sich in unserer schnelllebigen Zeit nicht ändern", staunt Ute Barth-Löw. Schon seit 70 Jahren nimmt ihre Familie an der St.-Anna-Kirmes teil, seit langem mit dem Auto-Scooter. Dieser sei so gefragt wie in den Zeiten, als das eigene Auto vor allem für junge Leute noch keine Selbstverständlichkeit war. Die Schaustellerin aus Wittlich, deren Familie aus Andernach kommt, stellt an der Kasse immer wieder fest, dass Eltern mit dem Nachwuchs "Knubb-Auto" fahren wollen, die sie selbst noch als Kinder auf der Kirmes erlebt hat. An der St.-Anna-Kirmes gefallen ihr das gute Konzept und das "tolle Abendprogramm". Auch Ehemann Klaus, Mutter Rosemarie und Schwester Inge arbeiten mit auf dem Rummel, während der 72-jährige Vater Heinz nach einem Schlaganfall aufhören musste. Ute Barth-Löw ist "Schaustellerin mit Leib und Seele", wenn der Beruf durchaus auch seine beschwerlichen Seiten hatte. Die Schulbildung der beiden Töchter (18 und 16) sollte nicht zu kurz kommen. Deshalb fuhr sie viele Jahre lang die Kinder morgens in die Schule nach Wittlich und holte sie mittags wieder ab. Beide sollen eine Ausbildung machen, aber "die Freude wäre groß, wenn sie in den Betrieb einsteigen". Wer ihr Unternehmen weiterführt, darüber braucht sich die 64-jährige Gisela Weeber keine Gedanken machen. Mit den Söhnen Werner (33) und Ludwig (26) ist im Familienbetrieb aus Bad Kreuznach längst die vierte Generation mit im Boot. Die Familie Clemens-Weeber kann in Morbach auf die längste Tradition zurückblicken. Dass die Familie hier schon seit 100 Jahren mit Karussells Kinderherzen erfreut, das verdankt sie vor allem ihrem Großvater Wilhelm Clemens, einem Schmied und Musikliebhaber. Vor 102 Jahren baute er gemeinsam mit einem Freund ein Etagenkarussell. Im oberen Geschoss fuhren Schiffe, im unteren warteten Pferde auf ihre Reiter. Von der beachtlichen Mitgift seiner Frau, immerhin 30 000 Goldmark, kaufte sich das Paar dann eine Konzertorgel als Grundstock für das noch junge Unternehmen. 1967 stieg die Enkelin Gisela Weeber in das Familien-Unternehmen mit ein. Wegen der Hochzeit mit dem Reutlinger Werner Weeber, der ebenfalls aus einer traditionellen Schausteller-Familie stammt, firmieren die Karussells heute unter dem gemeinsamen Familiennamen. Gisela Weeber ist voll des Lobes über Morbach. Die Anwohner seien "sehr tolerant". Und den Platz hält sie für ideal: "Eine Kirmes gehört ins Dorf." In einem Alter, in dem andere Menschen schon im Ruhestand sind, gibt es für Inge Bruch kaum etwas anderes als ihre Arbeit: "Wir gehen nicht golfen und spielen kein Tennis. Unser Hobby ist unser Beruf", sagt die 65-Jährige, die mit der Familie Barth verwandt ist. Heinz Barth ist ihr Bruder. Ihre Familie, die in diesem Jahr erneut den "Break Dance" im Gepäck hat, ist wohl eine der ältesten Dynastien ihres Genres. Die Bruchs sind seit sechs Generationen im Geschäft und seit 70 Jahren fester Bestandteil der St.-Anna-Kirmes. Nach der Hochzeit mit Oscar Bruch reiste das Paar zunächst noch mit dem "Helikopter" der Eltern an. Kurze Zeit später stand das Paar auf eigenen Beinen und ersetzte das Leihkarussell durch eine Berg-und-Tal-Bahn. In der Zwischenzeit wurde reichlich aufgestockt: Allein auf den Düsseldorfer Rheinwiesen standen ein Riesenrad und drei Achterbahnen aus dem Hause Bruch. Wegen freundschaftlicher Bande ist die Vorfreude auf Morbach stets groß. Auch wenn diesmal Geschäftsführer Markus Erber statt ihrer mit dem Fahrgeschäft angereist ist, "hängt mein Herz an dem Ort".

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