Schimpfen, kämpfen, ziehen, zerren

Schimpfen, kämpfen, ziehen, zerren

WITTLICH. (peg) Sie durften ziehen, zerren, schlagen und schimpfen: Wenn all dies nach klaren Regeln geschieht, kann man sogar richtig Spaß miteinander haben, lernten Schüler der DOS von ihrem Sozialarbeiter.

"Der Herr Steines ist gerade in einer Schlägerei", lautete dieser Tage die Antwort auf die Frage nach dem Schulsozialarbeiter an der Dualen Oberschule. Das irritiert. Einer, der sein Geld damit verdient, Frieden in den Laden zu bringen, sollte sich tatsächlich selbst schlagen? Die Sache war rasch aufgeklärt: Die sich da schlugen, waren andere, und sie schlugen sich auch nur symbolisch, und Oswald Steines beaufsichtigte die Szenerie. Denn wenn keiner sich verletzten soll, müssen Regeln her, an die sich alle halten, und damit niemand schummelt, schaut am besten ein Schiedsrichter zu. Am frühen Morgen hatte Steines gemeinsam mit drei Kolleginnen aus anderen Hauptschulen des Landkreises einen Parcours aufgebaut, in dem die Fünftklässler den richtigen Umgang mit ihrer Wut lernen sollten. Mit dick gepolsterten Schlägern aus Schaumstoff, von den Profis Encounter-Pads genannt und ziemlich teuer, durften sie aufeinander losgehen. Die zweite Hand musste am Rücken bleiben, stoßen, treten, spucken galt nicht, und wer aus dem auf dem Boden aufgeklebten Areal heraustritt, stoppte damit den Kampf. Es fiel ihnen leicht, sich daran zu halten. Lauthals von den Kameraden angefeuert, erlebten sie, wie befreiend und positiv Kampf sein kann, wenn die Regeln beachtet werden. An Station Nummer zwei war es ähnlich: Bunte Kegel aus Plastik waren auf dem Boden aufgestellt. Jeweils etwa sieben Kinder fassten sich an den Händen und zogen sich mit vereinten Kräften kreuz und quer über diese Kegel. Wer einen Kegel umstieß, schied aus. Da ging es genauso körperbetont zu wie bei der WM, nur: Rote Karten waren keine nötig. Die Spieler an der DOS blieben fair.Jeder durfte einmal "vor Wut platzen"

Im nächsten Zimmer durfte jeder einmal "vor Wut platzen". Die jungen Leute erfuhren, wie schwierig es ist, Luftballons zum Zerplatzen zu bringen. Nicht jeder machte mit. Einige fanden den lauten Knall derart unerträglich, dass sie es vorzogen, Abstand zu halten. Soviel Andersartigkeit muss drin sein, denn auch Respekt vor Entscheidungen der Mitmenschen gehört zur Gewaltprävention. So keimen viele gefährliche Konflikte gar nicht erst auf. Ungewöhnlich auch die vierte Übung: Jede Gruppe sollte ihr eigenes Schimpf-Wörter-ABC aufschreiben. Nach kurzem, ungläubigem Staunen legten sie los, und was da notiert wurde, kann in der Presse nicht wiederholt werden. Gelernt haben die Schüler hier, dass es unterschiedliche Kategorien von Schimpfwörtern gibt: lustige, halbschlimme und richtig böse, die sie am besten ganz aus ihrem Repertoire streichen, weil sie viel zu verletzend sind. Der Zeitpunkt für den Parcours zur Gewaltprävention ist bewusst gewählt. Am Ende der fünften Klasse kennen die Jugendlichen sich bereits gut, die Cliquenbildung ist abgeschlossen, die Vorurteile und Urteile stehen: ein idealer Zeitpunkt, um sie neuerlich in Bewegung zu bringen und nachzusehen, ob sie einer Überprüfung standhalten.