Schinderhannes würde 2019 seinen 240. Geburtstag feiern.

Der Schinderhannes hätte 2019 240. Geburtstag gefeiert : War der berühmteste Hunsrücker Schurke oder Held?

Volksfreund-Serie Jahrestage: Schinderhannes würde 2019 seinen 240. Geburtstag feiern. Vermutlich jedenfalls. Denn nicht einmal das Geburtsdatum der umstrittenen historischen Gestalt ist verbrieft. Um Johannes Bückler ranken sich viele Legenden. Doch was wissen wir wirklich?

Wer ist der bekannteste Hunsrücker? Das dürfte der Schinderhannes sein. Schon zu seinen Lebzeiten haben Bänkelsänger von den (Un-)taten des Johannes Bückler berichtet. Und durchaus bewundernd. Aber was gefiel den Zeitgenossen an dem Kriminellen, der doch so viel auf dem Kerbholz hatte? „Nehmen Sie mal den Kaufhauserpresser Dagobert. Ganz Deutschland hat gejubelt, wenn er wieder zugeschlagen hatte“, versucht Dr. Fritz Schellack vom Hunsrück-Museum zu erklären, warum Menschen sich freuen, wenn jemand der Obrigkeit ein Schnippchen schlägt. Zumal diese – wie im Fall Schinderhannes – aus ungeliebten französischen Besatzern bestand. Immer wieder narrte einer der bekanntesten Räuber Deutschlands seine Häscher, entwischte ihnen in letzter Sekunde oder entfloh, wenn er denn mal wirklich gefasst worden war. Und viele freuten sich offenbar klammheimlich.

Schellack erinnert zudem an die Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert, in der die Vorstellung vom „edlen Wilden“ Konjunktur hatte. Das war auch die Zeit der „Räuberromantik“, in der Banditen wie Jesse James und Seeräuber wie Klaus Störtebeker regelrecht verehrt wurden. Und Bückler soll angeblich ähnlich wie sein „Berufskollege“ Robin Hood aus dem Sherwood Forest den Reichen genommen und den Armen gegeben haben – so zumindest der Mythos.

Schurke oder Held? Der Leiter des Hunsrück-Museums verweist Anekdoten, die es zu diesem Thema zahlreich gibt, ins Reich der Sage. „Schinderhannes war ein brutaler Verbrecher und Mörder, der aus niedersten Beweggründen gehandelt hat.“ Natürlich mag er tatsächlich in Wirtshäusern mit gestohlenem Geld Lokalrunden gegeben haben. Aber vor allem habe er danach geguckt, „dass er und sein Umfeld gut leben“.

Seine Herkunft Johannes Bückler entstammt einer Schinder- und Scharfrichterfamilie. Schinder oder Abdecker waren Männer, die berufsmäßig Tierkadaver beseitigten. Der Vater Johann Bückler sen. heiratet 1777 in Miehlen (Taunus) Anna Maria Schmitt. Johannes Bückler wird vermutlich im Herbst 1779 geboren. Der Geburtsort ist unklar. Vier Jahre später muss die Familie fliehen. Die Mutter soll gestohlen haben. Der Vater wird Soldat und desertiert. Später lässt man sich in Veitsrodt im Hunsrück nieder. Schinderhannes hat sechs Geschwister, die teilweise früh sterben. Mit 20 lernt er Juliane (Julchen) Blasius kennen. Aus der Beziehung gehen zwei Kinder hervor. Eines stirbt früh.

Der Beginn einer „Karriere“ Der Schinderhannes geht bei einem Abdecker und Scharfrichter in Bärenbach in die Lehre. Er stiehlt diesem sechs Kalbfelle und eine Kuhhaut. Nach weiteren Diebstählen wird er gefasst und in Kirn inhaftiert. Er entkommt aus der Arreststube und versteckt sich in Züsch und Muhl im Hochwald. Um die Zeit lernt er den „Müllerhannes“ und den „Petronellenmichel“ kennen und erhält seine ersten Lektionen als Räuber.

Die Spießgesellen Landläufig wird der Schinderhannes als Räuberhauptmann bezeichnet. Aber ist er überhaupt einer? Sprich: Gab es überhaupt eine Räuberbande? Laut Mark Scheibe, einem Schinderhannes-Kenner, gibt es dafür keinen Beleg: „Eine Bande ist eine auf gewisse Dauer gegründete Gemeinschaft mit dem Ziel, bestimmte Straftaten zu begehen.“ Und genau das bezweifelt Scheibe. Vielmehr hätten sich die Strauchdiebe für bestimmte Straftaten mehr oder weniger spontan zusammengeschlossen und sich anschließend rasch wieder getrennt. Trotzdem gab es Ganoven, die zum Umfeld des Schinderhannes gehörten.

Zum Beispiel Johann Müller, genannt „Butla“ aus Bischofsdhron, Peter Zughetto aus Ürzig und der bekannteste seiner Kumpane – Peter Petri aus Hüttgeswasen. Besser bekannt als „schwarzer Peter“, nachdem das immer noch gebräuchliche Kartenspiel benannt ist.

Seine Schandtaten Bückler muss sich laut Schellack 1803 beim Prozess in Mainz, in dessen Folge er hingerichtet wird, für 62 Straftaten, darunter fünf Morde, verantworten. Sind es anfangs vor allem Diebstähle und Hehlerei, kommen später Schutzgelderpressung und Überfälle hinzu. Er beraubte reiche Kaufleute und Eisenhüttenbesitzer und ging dabei äußerst brutal vor. Auch in Morde war er verwickelt.

Ausbrecherkönig Erstmals flieht Bückler aus einer Arreststube in Kirn. 1797 wird er in Muhl, heute Verbandsgemeinde Hermeskeil, geschnappt. Durch einen Trick gelingt ihm erneut die Flucht. In Weiden wird er erneut verhaftet. Nach Stationen in Herrstein und Idar-Oberstein kommt er ins Gefängnis nach Saarbrücken. Dort kann er erneut entkommen. Aufsehen erregt hat seine Flucht aus dem angeblich ausbruchsicheren Simmerner Gefängnisturm, um den sich allerlei Legenden ranken. Heute ist im Turm eine Schinderhannes-Ausstellung zu sehen, die Bestandteil des Hunsrück-Museums ist.

Prozess und Hinrichtung Lange schlagen alle Versuche, Schinderhannes und seine Komplizen zu schnappen, fehl. Doch zur Jahrhundertwende wird es für Bückler und seine Kumpane eng. Am 31. Mai 1803 wird er verhaftet und den Franzosen in Mainz übergeben. Ein Gericht verurteilt ihn, nachdem er ein Geständnis abgelegt hat, am 20. November 1803 zum Tode. Einen Tag später sterben Bückler und 19 seiner Kumpane den Tod unterm Fallbeil – vor rund 30 000 Schaulustigen. Weitere Spießgesellen erhalten Gefängnisstrafen – darunter Julchen.

Quellen: Wenn nicht ausdrücklich zitiert, stammen die Infos aus Schinderhannes: Nichtsnutz, Pferdedieb, Räuberhauptmann? von Mark Scheibe; Der Schinderhannes: Schurke oder Held? Eine Broschüre des Hunsrückmuseums; Schinderhannes: Denn im Wald, da sind die Räuber...“, eine Broschüre des Hunsrücker Holzmuseums anlässlich des 200. Todestages des Räuberhauptmann Schinderhannes.

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