1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

"Schüler können sich nicht vorstellen, was Krieg bedeutet"

"Schüler können sich nicht vorstellen, was Krieg bedeutet"

Frankreich liegt ihr am Herzen. Seit Jahrzehnten ist Helma Thelen-Oberbillig für Freundschaft mit dem Nachbarland im Einsatz. Als Pädagogin versucht sie auch, bei ihren Schülern das Interesse an geschichtlichen Themen im Allgemeinen und deutsch-französische Apsekte im Speziellen zu wecken.

Wittlich. Helma Thelen-Oberbillig ist Lehrerin an der Clara Viebig-Realschule plus in Wittlich. Jahrelang ist sie mit ihren Schülern nach Verdun gefahren, um bei einem Schauspiel mitzumachen. Dazu gibt es im November eine Veranstaltung der Schule. Was dort zu sehen sein wird, erklärt sie im TV-Interview. Frau Thelen-Oberbillig, das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt 69 Jahre zurück. Können sich Schüler heute überhaupt vorstellen, was Krieg bedeutet?Thelen-Oberbillig: Nein, das können sie nicht, und das ist auch gut so. Wir haben seit langem Frieden in Europa. Aber ich habe einen Schüler aus Afghanistan, der den Krieg erfahren hat: Sein Vater hat als Dolmetscher für die ISAF gearbeitet und wurde erschossen. Wie behandeln Sie den Ersten Weltkrieg im Unterricht?Thelen-Oberbillig: Ich versuche, den Schülern Einzelschicksale nahezubringen. Ich will ihnen zeigen, dass das Leiden der Menschen in allen Ländern gleich war. Und ich suche immer nach historischen Dokumenten aus der Region.Interessieren sich Ihre Schüler überhaupt für den Ersten Weltkrieg?Thelen-Oberbillig: Manche interessieren sich sehr für Geschichte, andere weniger. In Erinnerungsjahren ist es einfacher, die weniger Interessierten dazu zu bringen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen: Sie sehen in den Medien, dass der Erste Weltkrieg nicht nur eine Sache in der Schule ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema.Von 1999 bis 2010 sind Sie jeden Sommer mit 40 Schülern der Clara Viebig-Realschule plus nach Verdun gefahren. Warum?Thelen-Oberbillig: Der Kulturverein "Connaissance de la Meuse" hatte 1998 angefragt, ob eine Schule in der Region Trier bereit sei, an einem Schauspiel in Verdun teilzunehmen. Ich hab mich dann spontan gemeldet.War Ihnen klar, wie viel Arbeit auf Sie zukam?Thelen-Oberbillig: Mir war schon klar, dass das eine große Herausforderung werden würde. Aber ich konnte nicht ahnen, dass es so extrem würde, was die Intensität der Vorbereitung betrifft, die Kälte in den Zelten auf den Maashöhen oder die Hitze während der Proben. Aber mein mittlerweile pensionierter Kollege Helmut Roth hat mich immer unterstützt, und es war eine großartige Erfahrung: Familien und Freunde der Schüler kamen immer nach Verdun; an jedem Spieltag konnte man Wittlicher Kennzeichen auf dem Gelände sehen. Ich erinnere mich an Großeltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Sie waren sehr gerührt, als sie sahen, wie sich die jungen Leute an diesem Ort der Völkerfreundschaft engagierten.Das Theaterstück, das jedes Jahr aufgeführt wurde, heißt auf Deutsch "Von den Flammen zum Licht". Worum geht es?Thelen-Oberbillig: Um die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, seinen Verlauf, das Leiden in den Schützengräben und das der Flüchtlinge. Das Stück zeigt aber auch die schwierige Nachkriegszeit und die europäische Einigung - vor allem die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich.Ihre Schüler haben mit Franzosen zusammengearbeitet. Wie haben sie sich verständigt?Thelen-Oberbillig: Das war das Wunder von Verdun: Einige Wittlicher sprachen ein bisschen Französisch und einige Franzosen sprachen ein bisschen Deutsch - am Ende war das Arbeitsergebnis immer wunderbar. Unsere liebe Sonja zum Beispiel, eine Französin: Sie spielt im Stück eine Krankenschwester und ist auch in Wirklichkeit Rettungsassistentin in einer Klinik in Verdun. Sie spricht ein wenig Deutsch und hat in all den Jahren unzählige kleine Wunden verpflastert und auch bei größeren Problemen geholfen.Klingt, als habe das Projekt zur deutsch-französischen Freundschaft beigetragen.Thelen-Oberbillig: Auf jeden Fall! Im Sommer waren die Schüler ja an acht oder neun Wochenenden in Verdun - es war sozusagen ihre französische Sommerheimat. Sie kannten die französischen Mitspieler mit Namen und umgekehrt. 2008 waren zwei Fünftklässler dabei, sie wurden von allen Franzosen nur "les petits moutons" [Anm. d. R.: die kleinen Schäflein] genannt. Liebevoller kann man nicht miteinander umgehen.Sie sagten, Schüler können sich nicht vorstellen, was Krieg bedeutet. Haben die Fahrten nach Verdun etwas daran geändert?Thelen-Oberbillig: Wenn die jungen Leute in Verdun zwischen all den Gräbern standen, zwischen den Kreuzen und Davidsternen und Halbmonden, war ihnen schon sehr bewusst, was für ein sinnloses Sterben dort stattgefunden hat. Und wenn sie aus den düsteren Festungen wieder an die Sommerluft kamen, am Maasufer saßen und den Schiffen aus ganz Europa nachschauten, haben sie ein Gefühl für die Segnungen des Friedens bekommen.Woher stammt Ihr großes Interesse an Verdun?Thelen-Oberbillig: Meine beiden Großväter waren im Ersten Weltkrieg, mein Vater hat ihn als Kind erlebt und mir davon erzählt. Ich habe Frankreich viel zu verdanken. Ich war Koordinatorin bei der französischen Armee in Deutschland und bin Reservistin der Bundeswehr. Damit und mit unserem Verdun-Projekt versuche ich, etwas an Frankreich zurückzugeben."Von den Flammen zum Licht" heißt auch eine Veranstaltung der Clara Viebig-Realschule plus im November. Was wird dort zu sehen sein?Thelen-Oberbillig: Ehemalige Schüler und Verdunfahrer werden von ihren Erlebnissen berichten. Außerdem zeigen wir die schönsten Fotos und Ausschnitte aus zwei Filmen - einen hat das SWR und den anderen das französische Fernsehen über die Wittlicher in Verdun gedreht. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Sebastian Gubernator. gub Extra

Helma Thelen-Oberbillig, 63, ist seit 40 Jahren Lehrerin. Sie unterrichtet Geschichte, Deutsch, Englisch und Französisch an der Clara Viebig-Realschule plus. Auch an Schulen in Nancy und Dijon hat sie unterrichtet. gub