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Schützt ein umgestaltetes Lieserufer vor Hochwasser? Der TV hat Lokalpolitiker befragt

Schützt ein umgestaltetes Lieserufer vor Hochwasser? Der TV hat Lokalpolitiker befragt

Nach der aktuellen Flut fürchten Bürger, dass mit der geplanten Umgestaltung des Lieserufers in Wittlich der Hochwasserschutz schlechter wird und die Innenstadt beim nächsten Unwetter wirklich unter Wasser steht. Wittlicher Kommunalpolitiker wollen dennoch an dem Projekt Stadt am Fluss festhalten.

Wittlich. Schnell, braun, voller Treibgut: In Wittlich hat die Lieser sich plötzlich in einen reißenden Fluss verwandelt. Die Altstadt ist haarscharf einer Überflutung entgangen. Nach den Unwettern ist Zeit zum Nachdenken, denn manche Bürger sind skeptisch.
Denn als die Pegel von Rommelsbach und Lieser überraschend drastisch angestiegen sind, waren viele Wittlicher in der Stadt.

Sie wollten sich selbst ein Bild von der Hochwassersituation machen. Manch einer hat an die Pläne zur Umgestaltung des Lieserufers speziell im Bereich Altstadtbrücke gedacht. Und manch einer hat gewarnt, was passieren könnte, wenn die Hochwasserschutzmauer der Lieser einer geplanten Treppenanlage an der Brücke weichen werde. Beispielhaft hier ein Kommentar, der auf Volksfreund.de zu finden ist: "Wittlich scheint dank der vorhandenen Hochwassermauer mit einem blauen Auge davonzukommen. Und genau diese Mauer soll einer Freitreppe Platz machen, um die Lieser ,zur Stadt hin zu öffnen'. Hoffentlich wird dieser Unsinn nun infrage gestellt. Ansonsten ist wieder mit Hochwasser bis zur ,Klosterschenke' zu rechnen."

Stimmt das? Der Volksfreund hat die Sprecher der sechs im Stadtrat vertretenen Fraktionen und Gruppierungen aus diesem aktuellen Anlass gefragt: "Wie ist Ihre Haltung zu den Plänen ,Stadt am Fluss' insbesondere im Bereich der Altstadtbrücke im Hinblick auf die gerade erlebte Situation nach Starkregen, steigendem Pegel? Stehen Sie weiterhin hinter dem Konzept beziehungsweise was müsste aus Ihrer Sicht eventuell neu diskutiert, ermittelt, abgewogen, beraten werden?"
Das sind die eingegangenen Antworten:

Michael Scheid, FWG: "Mit der Umgestaltung wird der Abflussquerschnitt der Lieser vergrößert, das heißt der Hochwasserschutz wird gegenüber der jetzigen Situation verbessert! Zusätzlich ist auch noch ein mobiler Hochwasserschutz vorgesehen. Die geäußerten Bedenken sind nicht zutreffend."

Thomas Losen, FDP: "Natürlich muss nach der Hochwassersituation der letzten Woche, die Planung des Lieserufers nochmals genau auf den Prüfstand gesetzt werden. Wir, die FDP-Fraktion, werden der Umsetzung des Bauvorhabens nur dann erneut zustimmen, wenn alle Zweifel am Hochwasserschutz, durch ein Gutachten ausgeräumt sind. Grundsätzlich sehen wir das Projekt als eine Bereicherung für unsere Stadt Wittlich an."

Elfriede Meurer, CDU: "Wir nehmen die Ängste und Sorgen der Wittlicherinnen und Wittlicher sehr ernst. Selbstverständlich steht für die CDU-Fraktion die Sicherheit an erster Stelle. Mit der geplanten Maßnahme ,Stadt am Fluss' werden drei Ziele verfolgt: Hochwasserrückhalt; Guter ökologischer Zustand; Synergien nutzen und Mehrwert schaffen. Eingebettet in das Gesamtkonzept ist eine Abflussoptimierung der Lieser, die den Durchfluss vergrößert um damit bei Hochwasser den Pegel zu senken. Dazu kommt ein mobiler Hochwasserschutz, der schnell aufgebaut ist. Die Hochwasserberechnungen mit verschiedenen Schadensstufen waren Grundlage für die Vorplanung und Förderung durch das Land. Die hydrologischen Berechnungen und Vermessungen der Fachplaner fließen bei den weiteren Planungen mit ein und sind Basis unserer Beratungen und Beschlüsse. Das Ziel ist zukünftige Hochwasserschäden zu verhindern. Aufgrund der aktuellen Ereignisse werden wir in den Gremien erneut mit Fachleuten beraten und im Gesamtkonzept nochmals den Hochwasserschutz in den Vordergrund stellen."

Nadine Zender, SPD: "In den letzten 20 Jahren haben wir vier Mal ähnlich hohe Wasserstände an der Lieser erlebt. Wir haben unsere Zustimmung zu dem Entwurf der Lieserumgestaltung im Bewusstsein um diese Ereignisse gegeben. Es gibt also keinen Grund die Haltung aufgrund des aktuellen Hochwassers zu ändern. Voraussetzung ist, dass sich die Hochwassersituation durch die Neugestaltung nicht verschlechtert, eher noch verbessert. Das müssen uns die Planer nachweisen. Verschweigen darf man angesichts der bestehenden Sorgen auch nicht, dass die mobilen Elemente, die die feste Mauer ersetzen, das Risiko bergen, dass sie nicht rechtzeitig aufgebaut sind. Das ist ein Thema, zu dem wir die Meinung unserer Freiwilligen Feuerwehr und des Werkleiters noch einmal hören wollen."

Stephan Lequen, Bündnis 90/Die Grünen: "Grundsätzlich stehen wir zu dem Konzept, dessen hauptsächliches Ziel eine Verbesserung des Hochwasserschutzes im Bereich der Altstadtbrücke und des Rommelsbaches ist. Vor dem aktuellen Hintergrund jedoch, muss die derzeitige Planung, insbesondere auf der Altstadtseite der Lieser, nochmals überprüft werden. Werden die Gelder wirklich bestmöglich zum Schutz der Anwohner eingesetzt? Ist wasserbautechnisch an alles gedacht, um eine Überflutung so gut als möglich zu verhindern? Wie kann der Arbeitsaufwand der Helfer reduziert werden? Effektiver Hochwasserschutz muss hier eindeutig Vorrang vor gestalterischen Aspekten haben, auch weil solche Unwetterphänomene in Zukunft häufiger auftreten werden. Darüber hinaus sollte man prüfen, ob nicht an Lieser, Sterenbach, Schattengraben, Polderflächen geschaffen werden können, die solch extreme Wassermassen abpuffern."

Ali Damar, die Linke, hat nicht geantwortet.

Wer selbst noch einmal nachlesen will, wie das Konzept aussieht, findet es als download auf www.wittlich.de unter "Leben und Wohnen" dokumentiert als "Aufwertung Lieserufer". Das aktuelle Unwetter wird zudem Thema in der kommenden Stadtratssitzung am Donnerstag, 23. Juni, sein. Dann informiert Bürgermeister Joachim Rodenkirch über die Hochwasserereignisse in Wittlich vom 30. Mai und 2. Juni.Meinung

Klare Argumente
Keine Frage: Die Stadt hat über das Konzept zur Umgestaltung des Lieserufers breit informiert. Und jeder hat Zugriff auf das Konzept, das öffentlich zur Verfügung steht. Keine Frage auch: Es gibt dennoch Skeptiker: ältere Wittlicher, die sich noch an "richtiges" Hochwasser erinnern, Bewohner und Geschäftsleute aus der Altstadt oder dortige Immobilienbesitzer, auch womöglich Landwirte, deren Flächen Gefahr laufen, wie teils jetzt schon, überspült zu werden. Und auch keine Frage: Die gerade erlebte Situation ob an Rommelsbach oder Lieser mahnt zur Sorgfalt bei Neuplanungen. Andererseits muss man den Fachbüros vertrauen, dass sie nicht leichtfertig oder gar inkompetent arbeiten und einen Hochwasserschutz aufgeben, nur damit das Stadtbild in trockenen Zeiten vielleicht schöner aussieht. Dabei ist letzteres eine reine Geschmacksfrage: Dass sie spalten kann ist normal. Der Hochwasserschutz ist keine Frage des Geschmacks. Da es offensichtlich viele Fakten gibt, die belegen, dass der nicht schlechter wird, müssen diese vielleicht noch einmal klar kommuniziert werden. Grundsätzlich zeigt die TV-Umfrage: Keiner hat das Thema nicht im Blick. Alle wollen eine "sichere" Lieser. Da sollten sich die Bürger nicht zu viele Sorgen machen. Zudem: Sorgen kann man mildern. Am besten mit klaren Fakten. Vielleicht sind die ja nochmal Thema einer öffentlichen Veranstaltung, damit alle auf dem gleichen Stand sind, die sich wirklich für das Thema interessieren. s.suennen@volksfreund.de