Schuhhaus auf vier Rädern

THALFANG. Seit einem halben Jahrhundert fährt Otmar Philippi mit seinen Schuhen über die Dörfer - eine nicht alltägliche Vertriebsform. Die Tradition wird mittlerweile von seinem Sohn Jürgen fortgeführt.

Fahrende Händler gehören von jeher zum Straßenbild. Sie versorgten die Bevölkerung frei Haus mit Töpfen und Tellern, Kittelschürzen und Arbeitshosen. Später fuhren die Milchautos übers Land, und Obst- und Gemüsehändler boten frische Großmarktware an. Erst mit zunehmender Mobilität ging die Präsenz der fahrenden Händler zurück.Bis der Strukturwandel auf dem Land für neuen Auftrieb sorgte: Backmobilen und fahrenden Metzgern folgten Mini-Lebensmittelläden und Bankfilialen nach. Ihre Vorgänger sind dagegen von der Bildfläche verschwunden."Keine Bange vor schwierigen Zeiten"

Doch nicht alle. Von der allgemeinen Entwicklung scheinbar unberührt, behauptet sich einer von ihnen mittlerweile im 50. Jahr auf dem Markt. Der Thalfanger Otmar Philippi fährt seit 1954 mit einem Lastwagen von Haus zu Haus, um seine Schuhe an Mann, Frau oder Kind zu bringen. Und kommt - Discountern und desolater Wirtschaft zum Trotz - damit allem Anschein nach recht gut über die Runden.Vor allen Dingen hat der 65-Jährige "keine Bange vor den schwierigen Zeiten, von denen so viel gesprochen wird".Inzwischen hat der 39-jährige Sohn Jürgen, ein ausgebildeter Orthopädie-Schuhmacher, mit seiner Mutter die Firma übernommen. Neben dem Verkauf deutscher Markenschuhe bietet er Reparaturen, orthopädische Zurichtungen und die Anfertigung von Maßeinlagen an. Vater Otmar, mittlerweile Rentner, fährt nur noch aus Liebe zu seinem jahrzehntelangen Lebensinhalt mit.Dass er sich halten konnte, obschon er seit den 50er Jahren "viele Mitbewerber kommen und gehen" sah, führt der gelernte Schumacher auf "Zuverlässigkeit und gute Ware" zurück. Leicht war es jedenfalls nicht und Arbeitstage bis nach 20 Uhr die Regel. Denn parallel zu dem mobilen Lieferservice unterhielt Philippi auch Schuhgeschäfte. Allen voran die 1933 von seinem Vater Karl begründete Schumacher-Werkstatt in Thalfang, die Mutter Thekla 1936 um ein Schuhgeschäft mit Damen-Schneiderei erweitert hatte. Das Beispiel der mit 21 Jahren selbstständigen Eltern vor Augen - "das war früher viel schwerer" - stand auch Otmar früh auf eigenen Beinen. Als der Vater 1954 das erste Lieferfahrzeug kaufte, übernahm der Sohn den "ambulanten Handel", vorerst im Raum Morbach und Hermeskeil. Heute erstreckt sich der Radius des blauen Lieferwagens bis nach Pellingen, St. Wendel, Kusel, Idar-Oberstein, Simmern und Bernkastel-Kues.Gleichzeitig konnten sich die ab Mitte der 70er Jahre gegründeten Schuhhaus-Filialen in Neumagen-Dhron, Birkenfeld und Kirn bis auf eine behaupten. 1999 ging es auch im Thalfanger Stammhaus nach vierjähriger Schließung wieder weiter. Der dort eingerichtete Lagerverkauf wird laut Philippi gut angenommen.Dennoch war das eigentliche Schuhhaus des heutigen Seniors immer das mit den vier Rädern. Der von Haus zu Haus gehende Mann mit seinen Schuhkartons unter dem Arm ist weit und breit bekannt. Bei etlichen Familien hat er bereits mehrere Generationen mit Schuhwerk versorgt. Wie beispielsweise in Wolzburg. Eine Wolzburgerin war bereits als junges Mädchen Kundin bei Philippi und hat später auch ihre eigenen Kinder mit dessen Schuhen ausgestattet. "Da hat man immer gut gekauft", begründet sie ihre Treue zum mobilen Schuhhaus.Bei Margot Böhmer, die schon seit mehr als 30 Jahren Kundin ist, war das nicht anders. Sie seien immer sehr zufrieden gewesen. Zumal sie und ihr Mann heute Rentner sind. "Wir sind über 70. Das ist jetzt bequem", erzählt die Gonzeratherin. Sicher, sie hätten auch mal woanders einkauft, wenn sie ohnehin unterwegs waren, doch ihrem Frei-Haus-Lieferanten hielten sie immer die Treue.