Schwerer Weg zurück ins Leben

Der 25-jährige Christian Linden war bis zum 4. September 2010 ein gesunder, junger Mann. Ein sportlicher Typ voller Energie und Lebensfreude. Doch seit diesem Tag ist alles anders. Bei einem Vereinsausflug in Göttingen wurde er Opfer einer Tat, zu der es unterschiedliche Aussagen gibt. Zwei Jugendliche fügten ihm Verletzungen zu, unter denen er vermutlich ein Leben lang leiden wird.

Wintrich. Christian Linden sitzt am Küchentisch und versucht etwas auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Es fällt ihm sehr schwer. Die Hand folgt nicht seinem Willen. "Wie geht es dir?" "Nicht gut", sagt er mit leiser Stimme und fügt hinzu: "Ich kann doch fast nichts alleine machen."

Viel mehr will und kann er im Moment über sich nicht preisgeben. Christian bittet darum, sich auf die Couch legen zu dürfen. Er ist unendlich müde. Das Gespräch dauert noch wenige Minuten, dann steht er auf, geht sehr langsam und vorsichtig zur Tür und legt sich in seinem Zimmer schlafen. Er hat kaum Kraft, kämpft immer wieder mit Schwindelanfällen, sein Gesichtsausdruck ist niedergeschlagen.

Seine Mutter Ulla sagt: "So ist das fast jeden Tag." Und sehr oft komme ein Satz über Christians Lippen, der zentnerschwer auf der Mutter lastet. "Warum haben sie mich nicht ganz totgeprügelt?" Christian war am Wochenende des 4./5. September 2010 mit der Wintricher Altherren-Fußballmannschaft zu Besuch beim FC Grone bei Göttingen. Nach einer Feier in einem Kirmesfestzelt wollten mehrere Spieler der Wintricher Fußballer in ein Taxi steigen, als es zu einer Schlägerei kam. Christian erlitt dabei schwere Kopfverletzungen, ein weiterer Wintricher wurde im Gesicht und im Brustbereich verletzt (der TV berichtete).

Was spielte sich genau in der Nacht zum 5. September mitten in Grone ab? Das ist bis heute ungeklärt, denn darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Der weniger schlimm verletzte Wintricher sagte seinerzeit gegenüber dem TV: "Zwei von uns saßen bereits im Taxi, als ich und Christian von zwei jungen Männer völlig grundlos angegriffen wurden. Der Überfall kam wie aus heiterem Himmel."

Verfahren eingestellt



Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelte gegen einen 17- und einen 18-Jährigen aus Göttingen wegen versuchten Totschlags. Oberstaatsanwalt Hans-Hugo Heimgärtner teilte gestern auf Anfrage des TV mit, dass das Verfahren gegen die beiden Verdächtigen Mitte März eingestellt worden sei. Begründung: Es sei nicht auszuschließen, dass die Beschuldigten in Notwehr gehandelt hätten. Nach Aussage der beiden Jugendlichen habe es beim Streit um ein Taxi ein Gerangel gegeben. Dabei hätten sie sich gegen Schläge gewehrt.

Christian, der sich an die Vorgänge in der Nacht nicht mehr erinnern kann, musste aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen von Ärzten der Göttinger Universitätsklinik einen Monat lang in ein künstliches Koma versetzt werden. Monate später folgten Operationen an der Schädeldecke, die vermutlich wegen der Schläge eingedrückt war. Der junge Mann litt unter schrecklichen Kopfschmerzen, er musste starke Medikamente nehmen, die seine Leber schädigten. Während langer Aufenthalte in Reha-Zentren lernte er langsam wieder zu gehen, sich auszudrücken und alleine zu essen. Doch Christian ist noch immer auf Hilfe angewiesen. Er wird auch psychologisch betreut. Seine Mutter hat ihren 400-Euro-Job aufgegeben, um ihrem Sohn zur Seite zu stehen.

"Er war so ein lebensfroher und bodenständiger Junge", sagt sie. Mit große Freude habe er seinen Beruf als Maurer ausgeübt, sei nach der Arbeit oft ins Fitness-Studio gefahren oder habe gejoggt. Seine Mutter sagt: "Das Schlimmste für Christian ist, dass er befürchtet, nie mehr der zu sein, der er vor dem 5. September war." Er könne kaum über seine Gefühle reden. Ulla Linden: "Er zeigt nicht, wie es ihm wirklich geht."

Ob er wieder vollständig geheilt werden kann, ist ungewiss. Ob er jemals wieder ein völlig selbstständiges Leben führen kann, können die Ärzte nicht sagen.

EXTRA

HILFEGESUCH



Die Mutter von Christian, Ulla Linden, hat den Weißen Ring um Hilfe und Unterstützung gebeten. Hans-Peter Pesch, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Weißen Rings Wittlich, gegenüber dem TV: "Nach einem Erst-Gespräch war sie sehr erleichtert, dass sie endlich mal mit Außenstehenden über ihre Sorgen und Nöte als Mitbetroffene ausführlich reden konnte." Opfer von Straftaten haben nach Auskunft von Pesch die Möglichkeit, Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz zu beantragen. Hilfestellung beim Umgang mit Behörden und einfach nur wieder Mut und Hoffnung zu geben, damit man als Opfer von Straftaten nicht "vergessen" wird: Das seien erste wichtige immaterielle Hilfen des Weißen Rings. sim