Schwerstarbeit für den Gaumen

Peter Meurer hat Geschmack. Naja, zumindest muss er gut schmecken können, und der richtige Riecher gehört bei seinem Beruf auch dazu: Der 40-Jährige ist "Weinmacher". Keine Flaschenfüllung geht bei der Winzergenossenschaft Moselland aus dem Haus, die er nicht probiert hat.

Bernkastel-Kues. Seinen Tag verbringt Peter Meurer zwischen Tanks und Gläsern. "Im Herbst beginnt die Hochsaison", erläutert er. Dann liefern die 2250 Mitgliedswinzer ihre Trauben an 17 Kelterstationen entlang der Mosel ab. Der Most, den die LKW in Kues anliefern, wird vorgeklärt und in speziellen Tanks zur gekühlten Gärung eingelagert. Hier setzt Meurer erstmals beim Probieren an. Der dreifache Vater aus Burg ist studierter Diplom-Ingenieur Weinbau-Oenologie und selbst Inhaber eines kleinen Familienbetriebs.
Notizen auf dem Laufzettel


"Von der Traube bis ins Glas begleite ich quasi die Weine." Es sei immer ein wenig wie bei Kindern, die reifen und wachsen. Was sich einfach anhört, ist Schwerstarbeit für den Gaumen. "Bis zu 50 Mal muss jeder Wein, vom gärenden Federweißen zum Jungwein bis zur Füllung, probiert werden."
Hohe Qualität könne man nur erzielen, wenn es eine konsequente Überwachung der Prozesse während des "Weinmachens" gebe. Jedes Mal macht er sich Notizen - wie beim Patienten, bei dem man den Fortschritt der Genesung sieht. Nur, dass es hier der Fortgang im Werden der Weine ist. Viele Kleinigkeiten beobachtet Meurer. Auf einem Laufzettel notiert er, wie sich die Moste entwickeln. Im Labor werden die Behandlungsschritte vermerkt. Wenn die fertigen Weine aus dem Keller hoch in den neutralen Probierraum zur Verkostung kommen, erhalten sie den letzten Schliff oder bekommen das Okay zum Füllen. 35 bis 40 Millionen Flaschen wurden 2012 bei der Winzergenossenschaft Moselland gefüllt.

Nicht nur rebsortenreine Weine verkostet Meurer - er stellt auch Cuvées zusammen. Das sind Weine aus verschiedenen Rebsorten. "Kommt ein Kunde und will nach seinen Wünschen eine Cuvée, bereite ich dieses vor." Etwa drei Wochen bis zur Füllung gehen hierfür ins Land. "Jeder Kunde bekommt Blankoflaschen mit Nummern, und nach der Probe wählt er dann aus."
Der Fachmann verrät: "Gerade arbeiten wir an einem richtig schönen Sommerwein." Dieser soll erfrischen und vor allem "gut schmecken".
Für Meurer ist sein Job jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung. "Auf die Witterung im Weinjahr und während der Lese haben wir keinen Einfluss, und so ist auch der Wein stets anders." Gerade wird er wieder in den Probierraum gerufen, hier stehen Flaschen auf dem Tisch, die eine letzte Beurteilung brauchen. "Der hat \'ne tolle Nase und schmeckt nach mehr." "Der hat einen tollen Abgang. " "Dieser hat einen vollen Körper." So lauten seine Urteile. Meurer schreibt sie wieder akribisch auf, denn wirklich jede Station der ehemaligen Trauben wird dokumentiert.
Zum Schluss gibt er noch mit auf den Weg: "Reben brauchen viel Wasser und Sonne, und wenn sie Stress haben, schmeckt man es später im Wein." Bis zum neuen Jahrgang ist zwar noch reichlich Zeit. Bis dahin hat der Gaumen des Winemakers aber auch noch einiges zu erschmecken.Extra

In einer Sensorik-Schulung kann man die Grundgeschmäcker "erlernen" - diese sind salzig, süß, sauer und bitter. Aus Weinen lassen sich je nach Rebsorte und Qualität Früchte wie Pfirsich, Zitrus, Pampelmuse, Maracuja, Kirschen, Brombeere, Himbeere oder Apfel schmecken. Rote Beeren werden vom Geschmack eher den roten Weinen zugeordnet, weiße Früchte Weißweinen. Schwenkt man ein Glas, werden die Aromen intensiver. jo