Schwitzen in der Freiluftsauna

WITTLICH. Gegen Hitzewallungen hilft ja eigentlich nur kühles Nass. Trotz der fast unerträglich hohen Temperaturen hielten sich gestern Mittag Menschen in der Wittlicher Innenstadt auf.

"Na, seid ihr noch nicht weggeflossen?" dringt die Stimme einer Kundin durch die weit geöffnete Tür des Optikladens nach draußen. "Ach, hier drin geht‘s ja gerade noch", antwortet die Verkäuferin stöhnend. Es ist 12.30 Uhr. Gefühlte Temperatur: 45 Grad. Die Luft steht wie eine Wand in der Wittlicher Innenstadt. Und sogar die Sonnenbrillen auf dem Ständer vor der Tür interessieren niemand mehr. Zu lange ist es schon so heiß, die Region scheint mit Augenschonern versorgt zu sein. Die Passanten, die den Weg in die Freiluftsauna gewagt haben, bewegen sich nur in Zeitlupe durch die Burgstraße - oder rasten. Auf einer Holzbank am Marktplatz hat ein älterer Herr ein schattiges Plätzchen ergattert. "Für die älteren Leute ist es schon ein bisschen zu heiß", sagt der Tourist aus Flandern, der so wirkt, als würde er sich nie wieder bewegen wollen. Ähnlich wie Dalmatiner Batges, der völlig regungslos unter einem Stuhl vorm Café am Markt liegt und nur ganz vorsichtig den müden Kopf hebt. "Batges will gar nicht laufen. Die Pflastersteine sind zu heiß für ihn", sagt das Frauchen Jeannette Dreißig. Unter der Markise im Schatten findet sie es immerhin noch erträglich. Ihr Tipp für Zweibeiner: "Über die Mittagszeit im Haus bleiben oder in ein Auto mit Klimaanlage flüchten." Die Bedienung serviert Apfelschorle. "Das ist ein beliebtes Getränk bei diesen Temperaturen", sagt Sonja Pierson, die auch verstärkt Wasser, Cola Light und - vor allem bei Männern beliebt - kühles Bier verkauft. Das Stimmungsbild ihrer Gäste bezeichnet sie als schwankend: "Morgens ist die Stimmung noch gut, nachmittags wird das Gestöhne lauter." Wenn schon die Gäste in einem Straßencafé stöhnen, wie ergeht es dann erst Menschen, die arbeiten müssen? Auf dem Gerüst vor der Rathausfassade streichen gerade zwei Handwerker die Fensterrahmen im obersten Stockwerk mit weißer Farbe an. Manfred Tittelbach und Udo Oberhausen von der Firma Dahm sind seit acht Uhr im Einsatz. "Jetzt geht es noch. Aber nachmittags ab zwei, drei Uhr wird es hart." Die Arbeit muss ja trotzdem geschafft werden. Also versuchen sie, das Beste daraus machen: "Viel trinken und zwischendurch mal ein Eis." Neben der Flucht ins Freibad scheint Eis tatsächlich ein massentaugliches Anti-Hitze-Rezept zu sein. Überall in der Säubrennerstadt wird geschleckt. Erdbeereis färbt auch die Zunge der fünfjährigen Clara rot. Ihr älterer Bruder Henrik (8) genießt ebenfalls Eis im Hörnchen. Katja und Jochen Hose aus Hamburg machen mit ihren Kinder zurzeit Urlaub in der Eifel und besuchen heute Wittlich. "Unsere Kinder wollten unbedingt Burgen und Vulkane sehen. Zuerst dachten wir Sizilien wäre das Richtige, aber das war uns dann zu heiß." Dass auch der Südwesten Deutschlands mit mediterranem Klima angeben würde, damit hatten sie nicht gerechnet. "Abkühlung im Maar", raten die Besucher aus dem Norden. "Ein nicht zu kaltes Fußbad und nur leichte Tätigkeiten", rät Elfriede Becker, die gerade im Sparmarkt an der Ecke eine ganze Auswahl an Obst kauft. Wassermelonen dürfen bei diesen Temperaturen nicht fehlen. Die gibt es hier sogar schon in Stücke geschnitten. "Joghurt, Quark, Eis und Obst. Alles, was frisch ist, ist gefragt", sagt Verkäuferin Marlies Follmann und ergänzt, dass die Leute morgens früh bis zur Mittagszeit einkaufen, dann erst wieder gegen Abend. "Und gekauft wird zurzeit vor allem Proviant fürs Schwimmbad." Dorthin scheinen sich auch plötzlich alle verzogen zu haben. Die Bank am Marktplatz ist leer. Auch Batges ist verschwunden. Nur vom Platz an der Lieser hört man vergnügtes Juchzen. Kleiner Tipp: Dort im Brunnen ist meistens noch ein Plätzchen frei.