Seit 1988 gibt es nur noch gute Weinjahre

Seit 1988 gibt es nur noch gute Weinjahre

Unreife Trauben im Oktober, eine von Pilzen oder Insekten fast völlig vernichtete Ernte: Junge Moselwinzer können sich an solche Katastrophenjahre nicht erinnern. Aber es hat sie gegeben: 1984 zum Beispiel oder 1972, ebenso 1956. Seit Ende der 80er Jahre hingegen gab es ausschließlich gute oder gar hervorragende Weinjahrgänge.

Bernkastel-Kues/Trier. Seit einigen Wochen messen jeweils montags Experten des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Mosel in Bernkastel-Kues, in Weinbergen an Mosel, Saar und Ruwer den Reifegrad der Trauben. Der Zuckergehalt (Mostgewicht) wird in Grad Oechsle angegeben. Je höher die Oechslegrade, desto höher der Zuckergehalt und desto höher die Weinqualität.
Riesling hat Zeit zum Reifen


Am Montag vergangener Woche wurde bei der Hauptrebsorte Riesling ein Durchschnitts-Mostgewicht von 74 Grad Oechsle ermittelt. Inzwischen dürften drei bis vier Grad dazugekommen sein. Jeder Winzer weiß: Würde man jetzt bereits in einer guten bis mittleren Lage Rieslingtrauben ernten, ergäbe dies einen ganz passablen Wein. Aber der Riesling kann noch einige Wochen reifen. Die Mostgewichte werden bis zur Ernte weiter steigen, die noch zu hohen Säurewerte sinken, und es wird sicherlich wieder Spät- und Auslesen geben.
Das letzte richtig schlechte Weinjahr war 1987. Die Mostgewichte lagen beim Riesling bei der Lese zwischen 53 und 65 Grad Oechsle. An Spät- oder gar Auslesen war überhaupt nicht zu denken, die Winzer waren schon froh, wenn sie einen anständigen Qualitätswein ernten konnten.
Die Klimaerwärmung ist nach Angaben des DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, Bad Kreuznach, der wesentliche Grund für die seit 1988 ununterbrochene Serie von guten Weinjahren. Der Termin der Rebblüte hat sich in den vergangenen Jahren deutlich nach vorne geschoben. Damit haben die Trauben länger Zeit zu reifen. Das heißt, sie können mehr Zucker und wertvolle Extraktstoffe einlagern.
Erwin Engel, Verkaufsleiter der Bischöflichen Weingüter Trier, erinnert sich nur ungern an die "unreifen" Jahrgänge 1984 und 1987. Engel: "So niedrige Mostgewichte und so hohe Säurewerte wie damals hat es seit 1988 nicht mehr gegeben."
Frost schadet den Trauben


1972 war für die Winzer ein besonders schlimmes Jahr. Mitte Oktober, die Trauben waren noch nicht reif, gab\'s in manchen Lagen Frost. Die Trauben schmeckten nicht nur sauer, sie hatten außerdem einen widerlichen Frostgeschmack. Frost im Spätherbst oder Winter kann durchaus edelste Weine hervorbringen, aber nur dann, wenn die Trauben vollreif sind. Dann können die Winzer den begehrten Eiswein ernten. 1972 gab\'s aber keinen Eiswein, vielmehr verfärbten sich die unreifen Trauben braun bis violett.
Als Jugendlicher hat Engel im Herbst 1972 seiner Tante in Klüsserath bei der Weinlese geholfen. Engel erinnert sich: "Manche Winzer im Ort haben sich regelrecht geschämt wegen der schlechten Traubenqualität." Verkauft wurden die meisten Moste und Weine dennoch. Die Kellereien freuten sich in den 70er Jahren über einen Absatzboom beim Moselwein. Da wurde auf die Qualität nicht so sehr geachtet, wie das heute der Fall ist.
In der Weinchronik der Mosel findet man immer wieder Katastrophenjahre. Über den 1911er heißt es: "Der Jahrgang gab im Sommer berechtigte Hoffnungen auf einen guten Herbst. Doch machte der Wettergott den Winzern einen Strich durch die Rechnung. Vom 3. bis 5. Oktober erfroren die ganzen Trauben."
Als absolutes Missjahr wird der Jahrgang 1922 bezeichnet. In der Chronik steht: "In der Traubenblüte herrschte regnerisches und kaltes Wetter. Die Traubenblüten sprangen nachher alle auf, eine Befruchtung hatte in den seltensten Fällen stattgefunden. Die Qualität war nicht ganz übel, aber es gab fast nichts."
Mengenmäßig gleich null, Qualität sehr gut", heißt es über den 1945er. Der Chronist schreibt: "An eine Weinbergsbearbeitung war in den letzten Kriegsmonaten überhaupt nicht zu denken. Viele Parzellen bleiben unbebaut liegen. Im Juli wird zum ersten Mal unter erschwerten Umständen gespritzt. Im Mai und Juni ist der Rote Brenner sehr stark aufgetreten, ebenso auch die Peronospora in einem noch nie gekannten Ausmaße. In der Mitte des Monats Juli sind die Trauben bis zu 95 Prozent von der Pilzkrankheit befallen. Ganze Weinberge stehen ohne Belaubung. In einem Bottich konnten die meisten Winzer, die in normalen Weinjahren sechs bis acht Fuder ernteten, das gesamte Lesegut bergen."

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