Selbst die Schneckensuche kann sehr spannend sein

Selbst die Schneckensuche kann sehr spannend sein

Die Trauben aus oft steilen Weinberge bilden die Lebensgrundlage der Winzer. Doch es gibt noch mehr zu entdecken, zum Beispiel eine besondere Artenvielfalt. Das Potenzial von Fauna und Flora ist noch nicht ausgereizt.

Bernkastel-Kues/Piesport. "Das Projekt hat ungeheures Potenzial. Und ich sehe auch keine Alternative dazu." Hubert Friedrich, Leiter des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Mosel, wirkt geradezu euphorisch, als er das beim Mosel-Weinbautag sagt. Es hat sicher auch damit zu tun, das die Vereinten Nationen (UN) das Projekt "Lebendige Moselweinberge - Faszination der schiefen Ebene" im September 2016 als beispielhaft für den Erhalt der biologischen Vielfalt in der hiesigen Weinkulturlandschaft ausgezeichnet haben. Der Hintergrund: Die UN hat das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 zur Dekade der biologischen Vielfalt ausgerufen.
Das Projekt an der Mosel begann schon im Jahr 2014. Es hat sich, so glaubt Friedrich, noch in zu wenigen Köpfen und Herzen festgesetzt. "Wir müssen mit diesen Pfunden noch besser wuchern", sagt er mit Blick auf die steilen Hänge. Deren wichtigstes Produkt sind die Trauben. Doch drum herum gebe es, so Friedrich, Tiere und Pflanzen, die noch zu wenig beachtet werden. Für die Mehrzahl der Urlauber sei nicht der Wein das Hauptprodukt, sondern die Natur. "Es gibt viele Gäste, die trinken nicht ein Glas Wein. Das ist bedauerlich, aber es ist so", sagt der Behördenleiter. Seine Hoffnung: Über die Fauna und Flora im Weinberg könne ihnen auch der Wein näher gebracht werden.
Es müsse manches überdacht werden. Sprüche wie "Steillagenwinzer sind Helden" seien nett gemeint, signalisierten aber eher Mitleid. Und der Kunde kaufe seinen Wein für kleines Geld beim Discounter. Das sei bei anderen Sachen ähnlich. "Die Leute regen sich über Legebatterien auf, kaufen aber die billigsten Eier."
Ihm schwebt vor, die "Landschaft in Flaschen" zu vermarkten. Was in dieser Kulturlandschaft wächst und sich bewegt - ob es der Apollofalter ist oder der Weiße Mauerpfeffer, eine für die Steillage typische Pflanze -, soll darin Platz finden. Und natürlich die linksdrehende Weinbergsschnecke. Sie ist hierzulande eher selten zu finden, denn normalerweise ist das Gehäuse andersherum gewunden. Aber es gibt sie.
Nahegebracht werden den Gästen die Besonderheiten von Naturerlebnisbegleitern. Sie haben sich in einem Kurs 80 Stunden nur mit der Fauna und Flora beschäftigt, berichtet Projektbegleiterin Martina Engelmann-Hermen vom DLR. Einer von ihnen ist Theo Haart aus Piesport, den der Gault Millau 2007 zum Winzer des Jahres kürte. "Wir haben in der Hinsicht Nachholbedarf", sagt Haart. Wenn er im Weinberg arbeite, werde er oft angesprochen. Es sei peinlich, wenn man dann auf Fragen keine Antwort habe. Haarts Credo ist unmissverständlich: "Wir arbeiten in der Natur, leben von der Natur und sind in der Pflicht, sie zu erhalten."Meinung

Viel mehr als nur ein Arbeitsort
Der Weinberg: Für viele Menschen ist es der Ort, in dem sie bei Wind und Wetter schuften und im Herbst auf den Lohn für ihre Mühen hoffen. Dass dabei nicht auch noch ständig darüber nachgedacht wird, was dort sonst noch so wächst und sich bewegt, ist verständlich. Doch es ist wahr: Weinberge, zumal in solch exponierter Lage wie hierzulande, sind mehr als nur ein Arbeitsort oder Wirtschaftsraum. Natürlich sollten die Naturfreunde sie nicht auf eigene Faust stürmen, sondern sich von den ausgebildeten Naturerlebnisbegleitern führen und informieren lassen. Dann besteht die realistische Chance, dass die Kulturlandschaft diesen Namen auch wirklich verdient. Und es darf ruhig auch an ihr verdient werden. c.beckmann@volksfreund.deExtra

Oft rechtsdrehend (links), selten linksdrehend (rechts). Bei den Weinbergschnecken gibt es Unterschiede. Foto: (m_mo )

Vergangenes Jahr gab es erstmals den Tag der Artenvielfalt. In diesem Jahr gibt es am 20. und 21. Mai an vielen Orten an der Mosel eine Wiederholung mit mehr als 20 Veranstaltungen. Das genaue Programm wird noch veröffentlicht. Beim nächsten Moselkongress, am 4. April in Kröv, werden auch sogenannte Leuchttürme (spezielle Orte in der Region) bekannt gegeben, die für das Projekt stehen. cb

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