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Serie: Auf ein Glas Wein mit Kulturmacher Hermann Lewen, Bernkastel-Kues

Interview : Auf ein Glas Wein mit ... Kulturmacher Hermann Lewen

Bei einem Glas Wein die Zeit an sich vorbeiziehen lassen. Der Kulturmacher aus Bernkastel-Wehlen tut nichts lieber als das. Über Einsichten und Aussichten eines eingefleischten Moselaners.

Rentner sein ist gar nicht so einfach. Von heute auf morgen den Alltag auf null runterfahren gelingt nicht jedem. Vor allem, wenn man stets im Mittelpunkt des Geschehens stand. Wie Kulturmacher Hermann Lewen, der gerne mitmischt. Er kommentiert Kommunalpolitik und Zeitgeschehen und initiiert immer noch Kulturreihen. Der 69-Jährige ist umtriebig, charmant, eloquent und hält mit seiner Meinung selten hinterm Berg. Gute Gründe also, um mit ihm bei einem Glas Wein über Gott und die Welt zu plaudern.

Herr Lewen, was haben wir hier im Glas?

HERMANN LEWEN: Wir haben hier einen 2014er Wehlener Sonnenuhr, Riesling Spätlese, aus dem berühmten Cusanusstiftsweingut in Bernkastel-Kues. Er hat nur 7,5 Prozent Alkohol. Das heißt, man kann ihn schon zum Mittagessen trinken. Ein sogenannter Tischwein. Er schmeckt allerdings schon ein bisschen firn, also alt.

Als Rentner, der Sie seit 2018 sind, sollten Sie ja mehr Zeit haben für die schönen Dinge des Lebens. Was bedeutet Wein trinken für Sie?

LEWEN: Wein ist eigentlich ein Grundnahrungsmittel für einen Moselaner. Ich trinke Wein, weil er einfach zum Genussalltag dazugehört. Ich bin ja ein Freund der sogenannten Tischweine, die leider in der heutigen Zeit völlig aus der Mode gekommen sind. Dass man einfach zum Mittagessen ein Glas Wein trinkt, wie man es heute immer noch in Frankreich, Italien oder Griechenland tut. In Deutschland ist diese Tradition leider ein bisschen verkommen, weil alle Angst haben wegen Alkohol am Steuer. Aber als Rentner kann man sich das ab und zu mal wieder leisten.

Wie gut passen Wein trinken und Musik hören zusammen?

LEWEN: Manche Musik hört sich nach oder mit einer Flasche Wein noch schöner an. Das ist Genuss mit allen Sinnen. Man schmeckt was, man hört was, man fühlt was. Diese Kombi zwischen einem guten Glas Wein und wunderbarer Musik aus wunderbaren Lautsprechern, aber am besten noch mit einem Live-Programm, das ist etwas Schönes. Aber da sind wir bei einer neuen Entwicklung, wie man Konzerte heute gerne erlebt. Heute haben sich – auch wegen Corona – neue Sitzformate durchgesetzt. Ich habe das ja beim Mosel Musikfestival schon immer gerne ausprobiert. Das Glas Wein oder die Flasche gehört mit an den Platz, mit in den Konzertsaal.

Sie mischen sich ein und Sie mischen auf. Ihre Beiträge in den sozialen Medien auf Facebook oder Instagram werden oft heiß diskutiert, weil Sie mit ihnen gerne provozieren. Warum machen Sie das?

LEWEN (lacht): Wir sind eine Gesellschaft geworden, die viel zu wenig Chancen hat, miteinander zu reden. Mein Vater war ja Bauer. Der ist mit seinem Traktor aufs Feld gefahren und hatte wenig Gelegenheit, mit Leuten zu kommunizieren. Dem war es also sehr wichtig, sonntags nach dem Hochamt in die Dorfkneipe zu gehen und den Frühschoppen zu trinken und eineinhalb Stunden mit seinen Bauernkollegen und den Männern des Dorfes zu diskutieren. Wer geht heute noch ein Feierabendbier trinken? Die sozialen Medien geben mir eine Chance, meine Meinung zu sagen. Dass die nicht immer konform ist für jeden, der das liest, ist logisch. Mir ist die Diskussion wichtig. Ich gebe meinen Senf dazu: ob das die Nilgänse sind, die Stadthalle oder eine politische Entscheidung...

Als Moselaner mögen Sie offensichtlich die Art und Weise, wie in Bernkastel Kommunalpolitik gemacht wird. Auch zu Bürgermeister Wolfgang Port haben Sie ein super Verhältnis. Was machen die Bernkasteler aus Ihrer Sicht besser als andere Kommunen? Was schlechter?

LEWEN: Sie haben ganz klar auf dem Schirm, dass die Wirtschaftskraft dieser Stadt und der Region am Tourismus und am Wein hängt. Man hat schon Anfang der 1980er Jahre auf die Höhen ein Kurzentrum, große Hotelanlagen und eine Kur- und Kongresshalle gebaut, eine Cusanus-Akademie ins Leben gerufen sowie das Erbe des Cusanus in die Öffentlichkeit gerückt. Das ist nicht normal in Kleinstädten. Natürlich ist nicht alles Sonnenschein. Die politischen Vertreter sind aber bereit, Hinweise und Ideen aufzunehmen, darüber nachzudenken und daraus politische Schlüsse zu ziehen. Das ist das, was ich an Bürgermeister Port, aber auch an den Bürgermeistern der Verbandsgemeinde stets geschätzt habe. Wenn sie eine Idee gut fanden, haben sie dafür gearbeitet, dass sie eine politische Mehrheit bekommen. Zurzeit werden einige Entscheidungen in den sozialen Medien aber sehr kontrovers kommentiert.

Meinen Sie die Parkplatzdiskussion am Moselufer in Bernkastel-Kues?

LEWEN: Das ist die Parkplatzdiskussion, aber auch die Diskussion um die temporäre Stadthalle. Eine wichtige Investition in der Übergangsphase. Es wäre schade, wenn jetzt die Marke Kulturstadt Bernkastel kaputtgehen würde, nur weil wir momentan keine ordentliche Immobilie haben. Bis dahin muss man etwas schaffen, damit die Inhalte und die Veranstaltungen umgesetzt werden können, die wir als Tourismus-Stadt brauchen. Einfach die Mosellandhalle zu renovieren, funktioniert technisch nicht, denn sie ist dafür zu eng mit dem Hotel Moselpark verbunden. Es war ein Fehler 1983, diese Halle in einem Joint Venture mit einem privaten Investor zu bauen und als Stadt nur Miteigentümer zu sein.

Wenn Sie eine gute Fee wären  oder aktuell der Weihnachtsmann  und könnten Ihr geliebtes Moseltal mit einem Geschenk beglücken. Was für eins hätten Sie im Gepäck?

LEWEN: Wie viel Geld hätte ich denn?

Sie sind die Fee...

LEWEN: Dann würde ich gerne mindestens drei neue Schiffe auf der Mosel haben, die dem qualitativen Anspruch entsprechen. Schiffe wie die Marie Astrid in Luxemburg. Mir ist die Diskrepanz zwischen unserer edlen Kulturlandschaft, der touristischen Angebote und dem Schiffs­tourismus zu groß. Jeden Tag fahren bei mir eine Lorelay vorbei, eine Theodor-Heuss, eine Rheinpfalz, ein Schiff aus den 1950er Jahren, auf das man den Namen Nikolaus Cusanus drübergepinselt hat. Das ist schade. Am liebsten würde ich aber ein ständiges Konzerthaus bauen...

Zum Schluss: Was für ein Weintyp sind Sie eher? Ein leichter fruchtiger Moselriesling-Kabinett oder ein schwerer Bordeaux?

LEWEN: Ich glaube, ich bin fein und ein bisschen herb.