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Sie arbeitet, bis sie schwarz wird

Sie arbeitet, bis sie schwarz wird

Vierblättriges Kleeblatt, rosa Glücksschwein, Hufeisen und auch der Rauchfangkehrer sind beliebte Glücksbringer am Silvestertag. Familie Schmidt in Bernkastel kann auf Glücksfigürchen verzichten, denn Hausherrin Monika ist Schornsteinfegermeisterin. Damit ist sie in ihrer Berufsgruppe eine Seltenheit.

Bernkastel-Kues. "Hallo, hier ist der Schornsteinfeger", meldet sich Monika Schmidt an den Haustüren ihrer Kunden. Über die erstaunten Blicke beim Anblick einer schwarz gekleideten Frau muss sie immer wieder schmunzeln. Die Schornsteinfegermeisterin tritt stets im kleinen Schwarzen auf, macht sich mit Vorliebe schmutzig - und sie bringt (hoffentlich) den Menschen ein wenig Glück.
Mehr als Ruß entfernen



"Daher greifen selbst Touristen beherzt nach meinen goldenen Knöpfen, wenn sie mich auf der Straße sehen", verrät Schmidt. Ob sie dabei schon vielen Menschen das ersehnte Glück gebracht hat, ist ihr nicht bekannt. "Aber wenn ich für jede Knopfberührung einen Euro kassieren würde, müsste ich nicht mehr arbeiten", sagt die sympathische junge Frau lachend.
Die quirlige Meisterin ihres Fachs steigt anderen gerne aufs Dach und arbeitet, bis sie schwarz ist. Sie ist schwindelfrei und liebt die Weitsicht von ganz oben. Ob sie dabei auch des Kaminkehrers bekannte Glücksmelodie (aus dem Film "Mary Poppins") anstimmt, bleibt ihr Geheimnis.
Schmidt ist nicht nur die Fachfrau, wenn es ums Kaminreinigen geht. Vom Dach bis zum Keller ist ein Schornsteinfeger unterwegs. Die Aufgabenbereiche sind sehr vielfältig geworden und stellen hohe Anforderungen an den Schornsteinfeger.
Reinigen und Kontrollieren von Schornsteinen, Kaminen und Heizungsanlagen gehören ebenso zu ihren Aufgaben wie Beratung in Fragen des Umweltschutzes, der Gebäude-Energieeinsparung und vorbeugenden Brandschutzes. Messen und Dokumentieren, Beraten und Organisieren - das setze technisches Verständnis und großes Interesse an Naturwissenschaften voraus, erklärt Rainer Zengerling, Obermeister der Schornsteinfeger-Innung Trier.
Also alles reine Männersache? Das war einmal. Denn die Frauen erobern sich langsam dieses interessante und anspruchsvolle Berufsfeld.
3000 Häuser im Kehrbezirk



Monika Schmidt, die auch aktive Feuerwehrfrau ist ("da gibt es viele Parallelen"), kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Denn mit einem Schornsteinfeger in der Familie ist sie aufgewachsen. Mit ihrem Vater ging sie gerne zur Arbeit. "Er hat gemessen, und ich durfte die Messkarten ausfüllen", verrät die 37-Jährige schmunzelnd. Nicht nur Ehemann Rainer, auch die Söhne Kilian und Robin sind stolz auf ihre Schornsteinfegermeisterin im Haus.
Zu Schmidts Kehrbezirk gehören bis zu 3000 Häuser im Stadtteil Kues, auf dem Kueser Plateau, in Wehlen, Zeltingen-Rachtig und Erden. Schmidts Chef, Bezirksschornsteinfegermeister Joachim Fischer, ermöglicht ihr mit einer Halbtagsstelle, Familie und Beruf gut unter einen Hut zu bringen.
Als die Frau auf dem Schornstein grüßt Schmidt immer öfter von oben herab. Denn die Speicher moderner Häuser sind oftmals komplett ausgebaut. Dagegen muss sie in alten Häusern auch schon mal in einen Schornstein hineinkrabbeln. Und wenn sie Kunden erklärt, "Sie haben einen Vogel", dann ist das durchaus ernst gemeint. Einen solchen muss sie gar nicht so selten aus dem Kaminschacht entfernen.
Was ein echter Glücksbringer ist, der darf auch bei Hochzeiten nicht fehlen. Auf Einladung zum Fest macht sich die Schornsteinfegerin ausgehfein und setzt den historischen Zylinder auf - ein Geschenk von der Oma zur 1995 bestandenen Meisterprüfung. Und dann wird nicht die Braut, sondern der Bräutigam geküsst.
Extra

Die Ausbildung im Schornsteinfegerhandwerk dauert drei Jahre und läuft dual (Berufsschule und Betriebs praxis). Das landesweite Berufsbildungzentrum (Schornsteinfegerfachschule) ist in Kaiserslautern. Voraussetzung sind ein sehr guter Haupt- oder Realschulabschluss, großes Interesse an Naturwissenschaften, Flexibilität, Schwindelfreiheit und Kontaktfreudigkeit. In Rheinland-Pfalz gibt es 485 Schornsteinfegerbetriebe, Auszubildende werden dringend gesucht. Infos bei Rainer Zengerling, Telefon 0651/6860290 oder im Internet: www.schornsteinfegerfachschule.de mblExtra

Neben dem klassischen Kehrkoffer mit Kehrleine, Stoßbesen, Schultereisen oder Schweizer Eisen gehört zur Ausrüstung des Schornsteinfegers der Mess-Koffer zur Überprüfung der Heizungsanlage. So bringt der Schornsteinfeger sicher auch heute noch Glück ins Haus. Denn er befreit den Kamin von Ruß und Schmutz und sorgt für frischen Wind. Durch die Reinigung des Kamins bannte der Schornsteinfeger nicht nur früher die Gefahr von Hausbränden. Er zog immer Anfang des Jahres durch die Dörfer und gilt daher als Glücksbote. mbl