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"Sie ist wie eine Tochter für uns" Brasiliens Kindern eine Zukunft geben

"Sie ist wie eine Tochter für uns" Brasiliens Kindern eine Zukunft geben

Deutschland - um was für ein Land es sich da handelt, wo es liegt, das wusste Adriana viele Jahre nicht. Aber sie hat einen besonderen Kontakt zur Bundesrepublik. Denn Ursula und Peter Lorch haben 1995 eine Patenschaft für das brasilianische Mädchen übernommen. Nun ist die 27-Jährige das zweite Mal zu Besuch in Wittlich bei ihren Pateneltern, die sie weiterhin unterstützen. Ein schicksalhaftes Erlebnis während einer Reise nach Brasilien 1981 hat das Paar Margot und Theo Menzner bewogen, den Verein Rette ein Kinderleben zu gründen. Damals ist ein befreundetes Paar in San Salvador ermordet worden. Der Täter - ein Vater von elf Kindern, der aus bitterer Armut handelte. Die Menzners helfen seither, geben Brasiliens Kindern eine Zukunft.

Wittlich. Adriana Belo da Silva lebt in Jaboatão, einer Nachbarstadt von Recife mit etwa 690 000 Einwohnern in Brasiliens Norden. Nicht etwa in einem der modernen schicken Häuser, sondern in einem Elendsviertel, ohne fließendes Wasser. Etwa 7700 Kilometer liegen zwischen Adrianas Heimat und Wittlich. Doch ihre Verbindung in die Eifel ist stark: In Wittlich lebt das Ehepaar Ursula (69) und Peter Lorch (70), das durch Vermittlung des Vereins Rette ein Kinderleben (siehe Extra/oder Zweittext) vor 19 Jahren eine Patenschaft für das damals achtjährige Mädchen übernommen hat. Heute ist Adriana 27, aber die Lorchs unterstützen sie weiterhin, obwohl die Patenschaft offiziell nur bis zum 18. Lebensjahr des Kindes läuft.
"Adriana ist wie eine Tochter für uns, wie ein eigenes Kind", sagen Ursula und Peter Lorch. Trotz der Entfernung, die sie trennt. Trotz der Sprachbarriere, die eine Unterhaltung erschwert. Ein Blick genügt, um zu sehen, dass zwischen den Dreien ein besonderes Band besteht. Zum dritten Mal sehen sie sich nun. Einmal waren die Lorchs im Jahr 2000 in Brasilien - ein berührendes Erlebnis für alle. "Wir haben das Elend dort gesehen, da war wirklich klar, dass wir mit der Patenschaft richtig gehandelt haben", sagen sie. 2008 besuchte Adriana das Paar zum ersten Mal - aufregend für die damals 21-Jährige, die noch nie geflogen und noch nie im Ausland war. Für etwa drei Wochen war sie nun ein zweites Mal in Wittlich zu Gast. "Und ich bin immer mit viel Liebe empfangen worden", sagt die Brasilianerin.
Adriana hat eine schwere Kindheit hinter sich. Als sie zwei Jahre alt war, trennte sich ihr Vater von ihrer Mutter. Die musste nun für ihre jüngste Tochter Adriana und deren vier Geschwister allein aufkommen, verdiente wenig als Wäscherin, es gab kaum Geld für Kleider und Schuhe. Reis und Bohnen kamen nur manchmal auf den Tisch, Fleisch eher selten, oft gab es nur einen Brei aus Farinha (Maniokmehl) zu essen. "Es gab Zeiten, da haben wir gehungert", sagt Adriana. Und die Kinder mussten bei der Arbeit helfen. Die Familie lebte in einer Bretterhütte, die bei Regen überschwemmt wurde. In die Schule ging Adriana erst mit neun Jahren. Denn sie war krank Aber bereits als sie acht Jahre alt war, begann sich ihr Leben und das ihrer Mutter und Geschwister zu verändern. Die Mutter nahm Kontakt mit einem Kinderheim auf, das über den deutschen Patenschaftsverein Rette ein Kinderleben bedürftige Kinder tagsüber betreut und fördert. Und es gab ein Paar aus Deutschland, das gern eine Patenschaft übernehmen wollte: Ursula und Peter Lorch aus Wittlich. Sie bekamen ein Foto von Adriana und Informationen über ihre Lebensumstände. Für die beiden Wittlicher war sofort klar: Hier müssen und wollen sie helfen. "Ihr Schicksal ging uns nah", sagen sie. Sie bezahlten nicht nur den normalen Patenschaftsbetrag, damit Adriana tagsüber von 7 bis 17 Uhr im Heim gut aufgehoben und mit Essen versorgt werden konnte, sondern halfen mit Sonderspenden darüber hinaus - für einen Kleiderschrank, ein Bett, den Bau eines neuen Hauses aus Stein. Dort lebt Adriana noch heute. Sie konnte mit Hilfe der Lorchs sogar ein zweites Geschoss bauen, das sie mit ihrem elfjährigen Neffen, um den sie sich kümmert, bewohnt. Im unteren Stockwerk leben ihr Bruder, dessen vier Kinder und ihre Schwägerin, die nebenan einen Imbiss betreibt. Dort hilft auch Adriana manchmal mit.
"Mein Leben hat sich durch meine Paten verändert", sagt die Brasilianerin. Zum Positiven. "Sie ist wie eine Tochter für uns", sagen Ursula und Peter Lorch. Und auch für die Zukunft hat die 27-Jährige Pläne. Sie möchte sich selbstständig machen mit einem mobilen Imbissstand. Damit kann sie zum Strand fahren und Hot Dogs verkaufen. Ihre Hoffnung: dass ihre Pateneltern sie dabei unterstützen. Das haben ihr Ursula und Peter Lorch zugesichert, und Ersatzvater Peter will im kommenden Jahr nach Brasilien reisen, um sich von dem Geschäftskonzept zu überzeugen. Auf das Wiedersehen freuen sie sich schon heute.