Sie will den Schrecken zeigen

Auszeichnung für eine Autorin aus Musweiler: Almut Greiser hat den renommierten Schweizer Literaturpreis Vontobel für ihr Buch "Der Kommandant" erhalten. Die Idee, die Gräueltaten eines SS-Kommandanten zu dokumentieren, war eigentlich ein spontaner Entschluss. Der TV hat sie in ihrer Wahlheimat Musweiler besucht.

Musweiler. Sie ist ein ruhiger Mensch, schenkt behutsam schwarzen Tee in die Tasse ein und reicht Gebäck dazu. Almut Greiser hat es vor Jahren vom baden-württembergischen Pforzheim in die Stille des circa 60 Einwohner zählenden Dorfes Musweiler (Verbandsgemeinde Wittlich-Land) in die Eifel gezogen, wo sie ein kleines Haus gekauft hat.
Die 74-Jährige wurde in Hamburg geboren, hat in Tübingen studiert und war als Lehrerin in Baden-Württemberg tätig. "Ich bin im Krieg geboren worden, das prägt. Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Chaos herrschte. Wir haben schreckliche Dinge erlebt. Meine Eltern haben über die Nazizeit geschwiegen. Sie haben darüber nichts rausgelassen", erzählt Greiser.
In den 1990er Jahren, nachdem sie 20 Jahre lang am Gymnasium ihren Dienst als Deutsch- und Französischlehrerin getan hatte, wollte sie einen Wechsel. "Ich habe mir zwei Jahre Auszeit gegönnt", sagt sie. Und der Zufall wollte es, dass in diesem Jahr, 1991, im benachbarten Stuttgart ein besonderer Prozess begann. Josef Schwammberger, Kommandant des jüdischen Ghettos im polnischen Przemysl von Januar 1942 bis Februar 1944 musste sich für seine Taten vor Gericht verantworten. Schwammberger war als besonders grausamer Lagerkommandant bekannt geworden, der willkürlich Häftlinge tötete. "Ich dachte, man sollte doch einmal im Leben so einen Prozess besuchen", sagt Greiser heute. Am ersten Verhandlungstag stellte sie fest, dass der Angeklagte, inzwischen über 80 Jahre alt, nie etwas sagte - eine Strategie seines Anwalts. Aber die Zeugen erzählten. "Der erste war ein Pole. Sie kamen aus der ganzen Welt, aus Israel, Amerika und anderen Ländern. Am ersten Tag konnte dieser Zeuge frei erzählen. Das war sehr eindrucksvoll", sagt Greiser. Da von den ersten Vernehmungen grundsätzlich keine Wortlautprotokolle angefertigt werden, reifte in ihr der Entschluss, all das aufzuschreiben, was sie im Stuttgarter Gerichtssaal zu hören bekam. Und so besuchte Greiser Dutzende von Gerichtsverhandlungen und schrieb die Aussagen vieler Zeugen auf.
Im Aufbau-Verlag erschienen


Sie begann zu forschen. "Das Ghetto gibt es noch. Das ist jetzt das Armenviertel der Stadt, und es ist dort sehr bedrückend gewesen", erinnert sie sich. Und so kam der Stoff für eine wissenschaftliche Dokumentation zusammen. Bis das Buch gedruckt wurde, brauchte es Zeit. "Wenn man ein Niemand ist, dann geht das nur über viele glückliche Umstände. Ich habe das Manuskript einem Freund gegeben, der wiederum einen Historiker kannte, der an einem Verlag beteiligt ist", sagt sie.
Und so schrieb schließlich der Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette das Vorwort zu ihrem Werk und half, es im Aufbau-Verlag zu veröffentlichen. Was Greiser am meisten beeindruckte, war die Klarheit, mit der sich viele Zeugen auch nach 50 Jahren noch erinnern konnten: "Es sind immer die persönlichen Umstände, die im Gedächtnis bleiben. Die Zeugen wechselten plötzlich von der Vergangenheit in die Gegenwart, wenn es darum ging, zu beschreiben, wie ein Massengrab mit 500 Menschen zugeschüttet wurde."
Für das Ergebnis hat sie nun den mit 10 000 Euro dotierten Vontobel-Preis erhalten. Aus den anfänglichen Aufzeichnungen entstand ein 350 Seiten umfassendes Werk der Zeitgeschichte.Extra

Almut Greisers Buch "Der Kommandant - ein NS-Täter in der Erinnerung von Überlebenden" beschreibt einerseits die Morde des Lagerkommandanten Josef Schwammberger anhand akribisch aufgezeichneter Zeugenaussagen. Darüber hinaus zeigt die Autorin Strukturen auf, in denen ein vordergründig zivilisierter Bürokrat in kürzester Zeit zum sadistischen Lagerkommandanten werden kann. hpl