Sind die Dörfer noch zu retten?

Mitten im bunten Treiben des Klausener Marktes haben sich Experten bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Dörfer geäußert. Dabei ging es um Fragen, wie das Aussterben der Orte verhindert und die ländliche Umgebung den Anforderungen der Überalterung gerecht werden kann. Die Lösung sehen die Politiker in ehrenamtlichem Engagement.

Klausen. Senioren, junge Familien mit Kinderwagen und Jugendliche flanieren durch die Klausener Straßen. Der Eberhardsmarkt zieht alle Generationen an. In der Podiumsdiskussion auf der Bühne gegenüber der Eberhardsklause dreht sich unterdessen alles um die Senioren. Denn eins ist klar: Die Geburtenrate ist seit Jahrzehnten rückläufig, und der geburtenstärkste Jahrgang von 1963 wird immer älter. Wo Dörfer nicht auf die demografische Entwicklung reagieren, gehen die Lichter aus, so die These bei der Podiumsdiskussion.
Wo die Reise hingehe, zeige das Beispiel Klausen, sagt Ortsbürgermeister Alois Meyer. Seit 2002 stagniert die Bevölkerungszahl. Sie liegt bei rund 1400 Einwohnern. Dabei steht Klausen noch gut da. In den meisten Dörfern sinkt die Zahl. 16,8 Prozent der Klausener sind älter als 65 Jahre. 2030 werden schon 30 Prozent älter als 65 sein. Ein weiterer Vergleich zeigt die zunehmende Überalterung: 2002 lebten in Klausen 28 Kinder unter zwei Jahren. Heute sind es nur noch 16.
Nachfrage nach Heimplätzen



Daher müsse es eine zentrale Aufgabe sein, Angebote für ältere Menschen zu schaffen, so Meyer. Positive Beispiele sind in Klausen der Dorfladen und der Mittagstisch in der Eberhardsklause.
Als generelles Manko sieht Landrat Gregor Eibes das Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs und räumt einen Fehler der Dorfentwickler ein: "Wir haben zu sehr auf die Neubaugebiete gesetzt." Statt junge Menschen an den Ortsrändern anzusiedeln, müssten Jung und Alt in den Ortskernen zusammengeführt werden.
Ein Anzeichen der zunehmend älter werdenden Gesellschaft sind die Seniorenresidenzen, die "allerorts aus dem Boden sprießen", stellt Alois Meyer fest.
Eric Schmitt, Geschäftsführer der Seniorenresidenz St. Paul in Wittlich-Wengerohr, bestätigt die steigende Nachfrage nach Heimplätzen - greifbares Zeichen einer älter werdenden Gesellschaft, in der die jungen Menschen in die Städte abwandern.
Um diese im ländlichen Bereich zu halten, nennt Phillip Goslar, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Trier im Fachbereich Kultur- und Regionalgeografie vor, drei Schlüsselbereiche: Bildungsangebote, Mobilität sowie Kultur- und Freizeitangebote. Seine zentrale Botschaft: Wer sich mit seiner Heimat identifiziert, der bleibt.
Als Antwort auf den demografischen Wandel sieht Eibes das Ehrenamt, Europaabgeordnete Christa Klaß aus Osann-Monzel pflichtete ihm bei. Um die Lebensbedingungen auf dem Land zu verbessern, brauche es viele Menschen im Ehrenamt und den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft. Die wichtigsten Säulen seien die Vereine. Diese Stütze droht allerdings wegen schwindenden Nachwuchses wegzubrechen. Daher appelliert Eibes, Jugendliche wieder für das Ehrenamt in den Vereinen zu begeistern. Denn: "Ohne das Ehrenamt drehen sich die Räder auf den Dörfern nicht weiter."
Neben den Vereinen sehen die Diskutanten die Kirche als wichtigsten Motor. Ihre Präsenz schwinde allerdings ebenfalls. Winfried Görgen, Leiter des Stiftungszentrums des Bistums, verwies auch hier auf eine Perspektive, die ehrenamtliches Engagement liefern könne.
Klausens Pater Albert ermutigt die anwesenden Politiker mit den Kirchenoberen das Gespräch zu suchen. Dabei sollten andere Möglichkeiten angesprochen werden, die Kirche zu vertreten als "als durch geweihte männliche Häupter". Man müsse der Seelsorge in den Pfarreien weitere Gesichter geben. "Frauen?", raunte es durch das Publikum.
Fritz Kohl, Ortsbürgermeister von Bruch, appelliert an die Bürger, das Lebensumfeld in den Dörfern aktiv und direkt mitzugestalten. Dann sei ihm nicht bange. sys
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Es gab mal eine Zeit, in der in Deutschland viel mehr Kinder gelebt haben. Das ist schon 40 Jahre her. Damals haben manche Schulen sogar fünfzügige Klassenverbände gehabt. Das heißt, dass es zum Beispiel am Gymnasium fünf Klassen für eine Jahrgangsstufe gab. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen, denn nun gibt es viel weniger Kinder. Manche Schulen müssen deshalb geschlossen werden. Die Kinder werden dann mit dem Bus in Nachbarorte gefahren, wo sie zur Schule gehen.hplExtra

Unter demografischem Wandel versteht man allgemein die Veränderung der Altersstruktur einer Gesellschaft. Für die Bundesrepublik zeigt sich dabei, dass die Geburtenquote stark rückläufig ist. Sie liegt derzeit bei 1,3. Das heißt auf ein Paar kommen statistisch gesehen nur 1,3 Kinder - also nicht genug, um die bestehende Bevölkerungszahl zu halten. Die höchste Geburtenquote in Rheiland-Pfalz lag 1963 bei 67 000 Kindern. Seitdem sinkt sie. Nach den Hochrechnungen des Statistischen Landesamtes wird die Bevölkerung im Landkreis Bernkastel-Wittlich bis 2060 sich um 30 Prozent reduzieren, ebenso der Landkreis Vulkaneifel und der Landkreis Cochem Zell. Der Eifelkreis Bitburg-Prüm wird die Bevölkerungsabnahme bei 20 Prozent liegen. Lediglich in der Stadt Trier und im Landkreis Trier-Saarburg wird sich die Bevölkerung nur um unter zehn Prozent reduzieren. hpl